Kolumne

Plattenzeit #92: Grimes – Art Angels

Es sei nicht mehr zum Aushalten, meinte unser Plattenzeit-Kolumnist im Vorfeld. Und so ist die heutige Besprechung auch ein großer Befreiungsschlag - und eine Beweisführung.

Keine Kunst


Pop sei keine Kunst, weil die Kunstfertigkeit fehlt. Popmusik sei keine avancierte Stilrichtung, weil nach Schema F und mit vorgefertigten Mustern komponiert wird. Dass die 1988 geborene Göre Grimes, die ja eigentlich den schönen Namen Claire Boucher trägt, ihr 2015-Album “Art Angels” nennt ist in diesem Zusammenhang durchaus als Provokation zu sehen.

Grimes verbindet damit aber auch und vor allem eine Kampfansage und eine Beweisführung zugleich. Pop ist Kunst. Denn Grimes mag viel und kann noch viel mehr. Auf “Art Angels” findet sich zum Teil lupenreiner Pop, der auch der frühen Madonna gut zu Gesicht gestanden wäre. In diesen Songs ist ihre Stimme verspielt-kindlich und verführerisch-lasziv gleichermaßen. Auch eine gewisse Ironisierung der Eingängigkeit, der “Poppigkeit”, ist ihren Lieder oft anzuhören. Bemerkenswerterweise driftet sie damit aber nie in den den postmoderne “Ich-meine-es-gar-nicht-so-Gestus” ab.

Dass das Fräulein Boucher spielen möchte ist allerdings evident. Sie spielt mit Erwartungshaltungen, schraubt, montiert und vereint Disparates. Dass sie eine geschickte Produzentin ist, die das Zepter fest in der Hand hält, ermöglicht dabei einen schlüssigen Gesamtentwurf. Der Popsong ist stets das Zentrum, doch diesen treibt sie hin bis zum Äußersten. Pop wird tatsächlich zur Kunst, weil sie ihn ernst nimmt und zugleich herausfordert.

Das heißt konkret: Sie überfordert das Format Popsong in keiner Sekunde. Die musikalische Basis ist simpel und eingängig. Kunst-Pop, der sich aus den Quellen der späten Beach Boys oder der mittelspäten Kate Bush speist und der mehr semiklassische Suite mit Pop-Elementen sein möchte als Musik für die Massen findet man auf “Art Angels” nicht.

Den Songs zu folgen fällt nicht schwer. Dennoch sind die Zutaten gar nicht so leicht zu bestimmen. Hinter der zuckersüßen Fassade und der Zugänglichkeit lauert nämlich ein erstaunlicher Wildwuchs der Stile. Die gute Claire hat nicht nur ihre Madonna verinnerlicht, sondern kennt sich zweifelsfrei genauso gut mit den Methoden der gegenwärtigen elektronischen Musik aus. Das nutzt sie zu ihren Gunsten, macht kluge Songs, die aber immer nur so klug sind, dass sie für eine breitere Masse als gute Songs wahrnehmbar bleiben.


Fazit


Pop kann Kunst und kann Kunstfertigkeit. Spätestens mit “Art Angels” hat man gute Argumente zur Hand um den ewigen Diskussion über “Plastikmusik” zu begegnen und die Vorwürfe zu entkräften. “Art Angels” ist ein kluges Stück Musik, das weder unter- noch überfordert.


Zum Reinhören


Titelbild: (c) John Biehler, flickr.com