Kolumne

Plattenzeit #91: Nils Frahm – All Melody

Der Berliner Nils Frahm hat mit "All Melody" vermutlich DIE Neo-Klassik-Platte schlechthin aufgenommen. Auch Auswege aus dieser Schublade hat er schon in Hülle und Fülle parat.

Klassik und Neo-Klassik


Klassische Musik kann für Otto-Normalhörer ganz schön anstregend sein. Lässt sich dieser auf diese seltsam riechende Musik von überwiegend bereits toten Komponisten ein, so findet er viel Zeug, das sich nicht wirklich nachvollziehen lässt. Die Harmonik ist avanciert, die Akkorde komplex und die Strukturen erst mit sehr viel Liebe zum genauen Hinhören erkennbar und benennbar.

Um die Irritationen angesichts dieser musikalischen Informationsüberflutung auf einem Minimum zu halten wurde die Spielart “Neo-Klassik” ins Leben gerufen. Nils Frahm darf als einer der Speerspitzen dieser nicht völlig homogenen Bewegung gelten. Nun hat ebendieser mit “All Melody” all den Neo-Klassik-Heinis gerade eben gezeigt, wo der Barthel den Most holt. Lässig und verspielt vergeht sich Frahm auf diesem nicht nur an Musik-Versatzstücken, die auch einem Arvo Pärt gut zu Gesicht gestanden wären.

Frahm hat sich jedenfalls lange Zeit genommen um sein aktuelles Album im Saal 3 des Berliner Funkhauses einzuklimpern. Klavier und Keyboard reichen dem bestens ausgebildeten Pianisten aber schon lange nicht mehr. Zu hören gibt es unter anderem einen 12-köpfigen Chör und ganz viele Streichinstrumente. Dass das Album also überaus organisch klingt ist nicht weiter verwunderlich. In der jahrelangen Arbeit an diesem unprätentiös klingenden Werk hat sich Frahm außerdem auf kleine Details konzentriert. “All Melody” soll wohl sein Opus magnum Opus sein, allerdings ohne den Ballast, der für gewöhnliche damit einhergeht.


Distinktion?


Für ebendiese Leichtigkeit und Sorglosigkeit bekommt Frahm nicht nur Liebe. Vor allem von der Klassik-Front gibt es in regelmäßigen Abständen Proteste. Inhaltlich meckert man vor allem darüber, dass das gar keine “echte” Klassik sei und sowieso alles unterkomplex wäre. Die Zuschreibung “Klassik” diene lediglich zum Distinktionsgewinn und dazu, sich von der herkömmlichen Popmusik zumindest begrifflich abzuheben. Zudem suggeriere man mit dem Zusatz “Neo” dass man klassische Musik weitergedacht habe, was ja nun wirklich nicht stimme.

Solche Kommentare verkennen das Genie von Frahm. In seiner jahrelangen Bastel-Arbeit für seine aktuelle Aufnahme hat er sich weniger damit beschäftigt, wie er die Hörer abschütteln und über die Maßen herausfordern, als vielmehr damit, wie er sich abholen könnte. Auch wenn man es sich anders wünsche könnte, ist die “Sprache” der Klassik vielen Musikhörern heutzutage fremd geworden. Andere Menschen wiederum sitzen mehr oder weniger gelangweilt in klassischen Konzerten und warten nur auf die Pause, in der sie sehen und gesehen werden können. Der Anteil der Menschen, der Klassik gerne und mit Gewinn intensiv hört darf als sehr gering eingeschätzt werden.

Man kann es Frahm also beim besten Wille nicht verübeln, dass er einen anderen Weg geht und lieber weltweit mit seiner Musik, die auf Textur-Ebene überaus ansprechend und durchaus komplex daherkommt, Hallen füllt. Für sein Musik-Gebräu flirtet er mit Minimal-Music, Techno, Ambient und Fake-Klassik. In letzterer gehen Pop-Konventionen eine reizvolle Verbindung mit pianistischem Können ein und führen fast unbemerkt immer wieder weg von dem, was sich der Durchschnittshörer normalerweise so reinzieht. Frahm lässt es also mit dem Status-Quo der elektronischen Musik nicht gut sein, sondern fettet diese mit hoher Musikalität und dezentem Abenteuersinn gekonnt auf.

Heraus kommt ein Werk, das sogar tanzbar ist und dessen Entwicklungen der einigermaßen geübte Hörer jederzeit nachvollziehen kann. Und das ist gut so. Der größtenteils repetitive Untergrund macht das Ohr frei für die Spielereien und für die Reichhaltigkeit der Sounds. Frahm türmt Schichten auf Schichten, es lohnt jeder dieser Schichte zu folgen, während man langsam in einen Trance-Zustand hinübergleitet, der auf “All Melody” von Zeit zu Zeit von kleinen Klavier-Preziosen unterbrochen wird.


Fazit


“All Melody” ist wesentlich mehr, als man ihm anfangs anhört. Es ist kein weiteres Wellness-Ambient-Album, sondern ein ambitioniertes Werk, dem man seine Fallhöhe nicht anmerkt. Dem Titel wird Frahm damit allemal gerecht. Der Avantgarde-Zerstörungslust setzt er Melodien und Nachvollziehbarkeit entgegen, ohne den Hörer für dumm zu verkaufen.


Zum Reinhören


Titelbild: (c) Oliver Beige, flickr.com