Serie

Wo die Ideen blühen #17: Höhepunkt der Wissenschaft

Ein kopfcinematografischer Wortreigen, der allen Ansprüchen von Journalismus und zeitgenössischer Medienkultur entschieden widersagt und eine Episodenfolge mit exakt 222 Wörter über jenen Garten erzählt, in dem der Samen der besten Ideen der Welt gesät w[u]erde.

Krisen sind Höhepunkte, die wir als Tiefpunkte erfahren. Die Wissenschaft befindet sich in der Krise. Empirie bedeute mittlerweile das Sammeln von drei oder vier Kollegen, die Sachverhalte gleich wie man selber sehen und sich auf Kongressen und Sammelbänden erfreulich einig sind. Querschläger sind unerwünscht, exotische Zugänge enden im beruflichen Suizid. Der Ruch von Willkürlichkeit macht sich breit. Vor knapp einem Jahr fand in Deutschland ein March for Science statt. Dort gingen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf die Straße und protestierten gegen die zunehmende Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Fakten. Deutschlands Chefsoziologe Dirk Baecker hat dafür nur ein müdes Lächeln übrig: Das waren keine Wissenschaftler, das waren Universitätsangestellte, die um die Autorität ihrer Institution, ihre Monopolansprüche auf Wissen fürchteten. Die Universität als kultivierter Streitplatz der Wahrheit muss erleben, wie populistische Politiker sie als ideologisch gefärbt diffamieren und sich über das von ihr Anerkannte hinwegsetzen. Sie sei schuld, dass wirtschaftliche, politische, klimatische und familiäre Verhältnisse in sich selbst aufgelöst werden. Atomphysik, Soziologie, Neurophysiologie, um nur einige Beispiele zu nennen, brechen ihren eigenen Gegenstand in derartig radikale Tiefenschärfen runter, dass niemand mehr verstehen kann, was eigentlich vor sich geht. Eine derartig wirklichkeitszersetzende Wissenschaft braucht eine stabile Alltagswelt, denn wie Niklas Luhmann sagt, man wird alles Wissen mit dem Vorzeichen des Bezweifelbaren versehen und trotzdem darauf aufbauen und daran anschließen müssen. Unsere prekäre Gegenwart erlaubt das aber nicht mehr.

Titelbild: (c) pexels