Konzertrezension

Paul Plut in Innsbruck: Das geschwätzige Bühnen-Ich eines Solitärs

Paul Plut, dessen Album "Lieder vom Tanzen und Sterben" man wahre Wunderdinge nachsagt, gastierte am Freitag im Innsbrucker "Treibhaus". Das Interesse des Treibhaus-Publikums diese zu hören hielt sich in engen Grenzen.

Enge


Das Verfahren der Musik von Paul Plut ist an sich einfach. Es nimmt die Enge der Provinz und setzt diese in Kontrast zu einer Weite, die von der Musik ermöglicht wird. Die Enge evoziert sie durch Erzählungen aus der österreichischen Provinz, die Plut mit Grabesstimme in steierischem Dialekt vorträgt. Die Weite etabliert er mit Einflüssen, die mit 16 Horsepower, Tom Waits, Neil Young & Co. recht hinlänglich beschrieben sind.

In seinen Geschichten trifft man allerhand Typen, Großmütter mit Lebensweisheiten und ein einsames Ich, das sich an den Plattitüden seiner Herkunft abarbeitet, daran verzweifelt und zugleich Schönheit darin findet. Am Ende des Albums trifft dieses Ich gar den “Teifi”. Ob dieser tatsächlich im Außen vor Ort zu finden ist oder sich als innere Unruhe in das Herz eingeschlichen hat bleibt dabei offen.

Dieses “Ich”, das auf Platte überzeugend musikalisch untermalt wird, brachte Paul Plut am Freitag live auf die Bühne. Das gelang nicht problemlos und ohne Brüche. Auf dem Abum “Lieder vom Tanzen und Sterben” sitzt jeder Ton, jeder Gitarren-Effekt wirkt punktgenau geplant und der Klang der Gitarre lässt einen insgesamt ob seiner Rauheit und Unmittelbarkeit oftmals gleichermaßen ratlos und fasziniert zurück. Das gelang live nur mit Abstrichen.

Das “Album-Ich” verfügte auf der Bühne über eine mystische Aura, die sich gut mit den grandiosen Liedern vertrug. Die Stimme war ähnlich beeindruckend wie auf Platte. Mit wenigen geflüsterten Silben gelang es Plut den Saal zum Schweigen und zum aufmerksamen Zuhören zu bewegen. Doch sein “Live-Ich” war auch geschwätzig und brach die Aura stellenweise. Es erzählte von “Newslettern”, von den Hintergründen der Songs, äußerte sich an einer Stelle, wenngleich verklausuliert, zur derzeitigen politischen Situation in Österreich.

Das ist legitim. Schließlich ist Paul Plut keine Kunstfigur, die sich von der Welt abschotten will. Doch seinen starken Erzählungen schadete diese Art von Redseligkeit. Seine Geschichten sind die Geschichten eines Solitärs, dessen Inhalte zutiefst mit anderen Menschen und deren Erfahrungen korrelieren. Sie scheinen so kostbar, dass jedes Wort, das sie erklärt, zu viel ist. Jeder allzu konkrete Kontext hebt sie aus dem universellen Kontext.

Das blieb nicht das einzige Problem des Abends. Plut wurde zwar kongenial von Kontrabassistin und Schlagzeuger begleitet, doch riskierte er die Authentizität der Musik mit einigen Einspielungen von Band. Nicht alles, was man auf der Bühne sah geschah auch im Live-Moment auf der Bühne. Gegen den Einsatz von Samples und vorgefertigten Tonspuren ist natürlich nichts zu sagen, Mut zur Live-Reduktion anstatt zur Live-Reproduktion der Album-Verhältnisse wäre aber wohl die bessere Entscheidung gewesen.


Fazit


Wer an diesem Abend unendlich fasziniert von einigen der besten Liedern der jüngeren Austro-Vergangenheit nach Hause ginge tat das trotz, nicht wegen des Konzertes. Plut stand sich selbst zu sehr im Wege, als dass er sein definitiv in Übermaß vorhandenes Charisma voll ausspielen hätte können. In seinen Schwarz-Weiß-Clips zu seinen Songs ist dieses schneidend präsent, live wirkt es verschleiert von noch vorhandenen Unzulänglichkeiten und Fehlentscheidungen. Was bleibt ist ein Abend mit einem außergewöhnlichen Musiker und Typen mit ebensolchen Liedern. Es wäre aber mehr möglich gewesen.

Titelbild: (c) Lukas Maul