Montagskommentar

In Tirol hat die Zeit der lauten Stimmen wieder begonnen

Eine neue Arbeitswoche hat begonnen. Im Montagskommentar nimmt sich unser Kolumnist ganz bewusst Zeit, dem noch trägen Denken wieder auf die Sprünge zu helfen.

Vor ein paar Tagen ist es wieder laut geworden. Verständlich, denn es wird um Stimmen geworben. Neuerdings auch um solche, die leise sind. Dass man selbst bei diesem Buhlen um leise Stimmen relativ laut ist und sich gar unumstößlich als “neu” bezeichnet, scheint für die Urheber kein Widerspruch zu sein.

Andere bieten Altbekanntes. Sicherheit statt Asylchaos. Auch dieses Plakat schreit geradezu. Schon allein deshalb, weil es Evidenzen behauptet, wo diese nur schwer zu finden sind. Statt über Probleme bei einer bevorstehenden Integration zu sprechen und zugleich auf menschliche Tragödien hinzuweisen, stehen die Worte felsenfest und gaukeln einen klaren Handlungsspielraum und Klarheit vor.

Nun sind Zuspitzungen natürlich legitim und die Erhöhung der Lautstärke in Wahlkampfzeiten verständlich. Doch die Worte und Begriffe verselbständigen sich. So als ob es tausend Worte gäbe und hinter tausend Worten keine Welt. Meistens kann man in Zeiten des Wahlkämpfens noch nicht einmal die einzelnen Worte verstehen, sondern erhält in der Überlagerung von herausgebrüllten Positionen lediglich eine Art von  weißem Rauschen.

Angesichts dessen und der damit einhergehenden relativen Wirkungslosigkeit von Wahlplakaten intensivieren und radikalisieren sich die Mittel. Das Wort “konzentriert” im Kontext der Unterbringung von Asylwerbern ist zwar noch keine “Nazi-Sprache”, aber ein bewusstes Spiel mit Lautstärke und Zuspitzung, das aus den laut formulierten Gemeinplätzen des weißen Rauschens heraussticht. Auch nicht-sprachliche Mittel wie martialische Trommler hatten in diesem Zusammenhang Erfolg.

Wer in diesem Kampf gewinnt ist klar. Derjenige, der sich unterscheidet und seine Mittel zugleich im Griff hat. Verlierer dabei ist der komplexe Diskurs über die tatsächlichen Zustände in der Welt und in unserer Gesellschaft. “Freu dich Tirol” ist in seiner Plattheit ein Beispiel der grassierenden Inhalts- und Ahnungslosigkeit was mögliche Antworten auf die Gegenwart betrifft. Es ist nicht zuletzt auch eine Kapitulation vor dem Medium Wahlplakat.

Dennoch werden wir auf der Straße jetzt wieder angeschrien, egal womit und egal von wem. Man scheint zu hoffen, dass nicht Substanz, sondern Anzahl und Einfachheit zählt. Das stimmt nicht. In diesem Gerangel um Aufmerksamkeit wirkt vor allem Zuspitzung und Übertreibung. In dieser Hinsicht ist unser derzeitiger Innenminister ungeschlagen. Er ist der Meister der (Plakat)-Worte, die sich eine eigene Welt und Realität erschaffen haben, die vielen Wählern als überaus plausibel und realistisch erscheint.

Plakate schaffen bestenfalls eine simple und vereinfachte Welt. Derjenige, der sich dieser Mechanismen virtuos bedient, erzielt Wirkung. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben. Man erinnere sich nur an eine relativ erfolglose Kampagne einer ehemals bundesweit agierenden Öko-Partei, die damals Plakate mit viel Text gestaltete, die aber kaum jemand las.

Ein Möglichkeit scheint aber zumindest denkbar: Auf die tausend Worte der Plakate zu verzichten und der Konstruktion von Einfachheit und Klarheit den wahrhaft politischen Diskurs vorzuziehen. Doch wie findet dieser statt? Auch die mediale Öffentlichkeit reagiert nur allzu oft auf Reizwörter und Zuspitzungen, während Leises und Überkomplexes links liegen gelassen wird. Wir müssen wieder zurück zu den Dingen und zur “Welt an sich”. Ob das gelingt? Zumindest ist es zweifelhaft.

Titelbild: (c) Markus Stegmayr / SPÖ Tirol