Kolumne

Freitagsgebet #9: Heraldik

Für heute wäre eigentlich etwas Gehaltvolles geplant gewesen. Doch dann kam das dazwischen: Innsbrucker Wappenkund ad hominem. Vielleicht banal. Vielleicht besser unbeachtet, für ein kleines Freitagsgebet aber genau richtig, mit zweimaligen Staunen.
(c) unbekannt (gefunden: Herrenklo, Geiwi-Turm, Untergeschoß)

Aurora lucis rutilat, cælum laudibus intonat, mundus exsultans iubilat (frei übersetzt: des Morgenrots Licht glimmt an, der Himmel Lob stimmt an, die Erde jauchzet und frohlockt): Die Nordkette ist rosa eingefärbt. Ich laufe hinkend entlang der Innpromenade in den Hintereingang des Geiwi-Turmes. Es zwickt sehr. Der nächtliche Heißhunger hat sich in morgendlichen Durchfall gewandelt. Ille, qui clausus lapide custoditur sub milite, triumphans pompa nobili, victor surgit de funere (wieder frei übersetzt: den der Felsenmund verschloss, militärisch bewacht, erhebt sich als Sieger triumphierend gleich einer adeligen Prozession aus dem Höllenloch): Und so plätschert es, zeitgerecht, alle Geduld in der großen Bedrängnis entlohnend. Erlöst und selten entspannt trifft mein Blick auf das Innere der Toilettenkabine. Ein Wappen ziert auf Augenhöhe das Innenleben des Lokus. So steht nach einem Jolly Roger, der ein etwas langes Gesicht macht, der Wahlspruch: „Tod der Bürgler-Bischofs-Sau!!!“ (sic) – die Symbole des Wappenschilds zeigt das Logo des FC Wacker Innsbruck, verschlungen mit dem Innsbrucker Stadtwappen. Ich bin überrascht. Erstens, weil ich ein so hochgradig kirchenpolitisches Statement nicht auf einer Geiwitoilette erwartet hätte. Kirche scheint wieder im Kurs zu sein, wenn wohl mit dem Risiko verbunden, einem Salienz-Effekt auf den Leim zu gehn. Oder, möglicherweise: Frustrierte Pfarrer verrichten ihr Geschäft, theologisch διακονία, auf der Uni – um sozusagen die Trennung von Staat und Kirche zumindest in einer gewissen Hinsicht aufzuheben! Zweitens war ich erstaunt, weil dieser Kurzschluss von Stadt, lokalem Fussballclub (ein Grabstein, ein Grabstein, …) und Diözese in Anbetracht der Antrittsfeierlichkeiten des neuen Innsbrucker Bischofs im Tivolistadium Anfang Dezember nicht mehr so abwegig ist, das – um von allen rechtlichen Dimensionen des Rufmordes Abstand zu nehmen hier als Chef d’Œu­v­re einer sehr sehr eigenwilligen gesellschaftskritischen Kunstgattung aufgefasste – Erzeugnis aber aufgrund eindeutiger Zeitspuren um einiges früher zu datieren ist. Auch die Kombination der Schilder mit dem Wahlspruch mag evolutionsgeschichtlich zufällig entstanden sein, wir lesen es jedoch mit Umberto Eco rezeptionsästhetisch, nämlich genau so, wie es sich uns heute zeigt. Wer hier mit diesem Wahlspruch im Letzten so untergriffig beleidigt werden soll, bleibt mir eigentlich auch unklar: Es wäre ja eine Genitivus-objectivus/subjectivus-Dichotomie hineininterpretierbar. Bedenkt man die ganze Ohnmachtsgeschichte der Innsbrucker Bischofsfindung und deren Ausgang besitzt dieses Lokuswappen nichtsdestotrotz einen gewissen Wert an Ironie. Könnte es als Kunst durchgehen? Vielleicht wird ja Büchsenhausen oder das Kunstpavillion darauf aufmerksam. Wobei, Bischöfen den Tod zu wünschen ist auch etwas kurzsichtig und mühselig. DIE haben ja diese Sache mit der Auferstehung erst eingeführt. Man geht ja auch nicht in den Ikea und schreit: “Ich wünsche euch allen unmöbelierte Wohnungen!”(Anm.: Menschen, die in Familienhäusern wohnen, konsultieren Ikea weniger oft ob ihrer persönlichen innenausstatterischen Einfallslosigkeit als Menschen, die in Wohnungen leben.)