Theaterkritik

“Brennen”: Wenn man den Diktator vor lauter Bäumen nicht mehr sieht

Theater ist politisch, sagt man, weil es ist wie Gesellschaft spielen. Immerhin ist auch die Welt eine Bühne. In Sarah Milena Rendels neuem Stück "Brennen", spielt eine einzelne Schauspielerin, Esin Eraydın, ganz alleine Gesellschaft. Es ist hochpolitisch. Und sehr, sehr schön.

Aber wieso alleine? Wieso hat dieser bewegte Monolog keine Zuhörer – außer uns? Wieso ist sie nicht auf der Straße, diese namenlose Protagonistin, und schreit sich im Protest die Seele aus dem Leib?

Es dauert eine Weile, bis der Groschen fällt. Eine kahle Matratze auf dem Boden. Ein Tisch, ein Stuhl. Das hier ist ein Gefängnis. Die Künstlerin, Opfer einer Diktatur, gefangen in einer “Einsamkeit, die sich nie erzählen lässt, weil jedes Wort eine Gemeinsamkeit zum anderen sucht”. Kein bahnbrechend neues Bild. Aber eine neue Geschichte, einzigartig, wie es jede Geschichte ist.


Kein Stück für den Lehnstuhl


Denn “Brennen” ist kein Paradestück der naiven Liebe zur Demokratie, kein selbstgerechtes politisches Theater. Natürlich wäre es leicht, als Intellektuelle in Österreich aus dem Lehnstuhl heraus den Diktatoren dieser Welt einen Denkzettel zu verpassen. Und auch wirkungslos. Aber so ist Brennen nicht.

Sarah Milena Rendel hat ihrer Schauspielerin dieses Stück direkt auf den Leib geschrieben. Es trägt sogar viele Züge von Esin Eraydıns eigener Biografie zwischen Istanbul und Köln. “Brennen” ist ein Stück, das ohne seine Schauspielerin nie hätte entstehen können – und das ohne sie auch nie so funktionieren würde. Es ist also ziemlich einzigartig, was man derzeit in Innsbruck zu sehen bekommt.
Einzigartig ist auch, mit wie viel Poesie dieses Stück politische Fragen thematisiert. Ein schlichtes Bild – das vom Baum, der allein und aufrecht steht, aber doch Teil eines Waldes ist – bringt die Utopie auf den Punkt. Politik ist auch, wie wir mit uns selbst umgehen, und mit anderen. “Ketten sind brechbar, aber Menschen auch”, heißt es einmal. Sich nicht brechen zu lassen ist paradoxerweise eine Frage davon, wie verletzlich man bleibt. Und ob man bereit ist, sich zu öffnen und zu erzählen.


Weitersprechen, damit man nicht untergeht


Den namenlosen Diktator spricht die Künstlerin durchgängig in der Zweiten Person an. “Erzähl von dir, damit ich dich nicht so sehr verachten muss”, schleudert sie ihm entgegen und könnte auch den Zuseher meinen. Dazwischen erzählt sie von sich selbst – eine Künstlerin, die nicht aufhört zu hoffen, ein wildes Mädchen, das seinen Freiheitsdrang nicht aufgeben will.

Sie erzählt, weil man sie verstehen muss. Sie erzählt, weil die Macht denen gehört, die sprechen. Wer mit Sprache spielt, kann nicht so leicht unterdrückt werden. Wer überhaupt in der Lage ist, zu spielen, kann nicht so leicht unterdrückt werden.

Und so ist “Brennen” auch Theater über das Theater und Kunst über die Kunst. Kunst ist nicht nur politisch, wenn sie politische Themen anspricht. Sie ist auch wichtig, weil sei ein Raum der freien Kommunikation ist. Auch Rendels Stück ist so ein Raum.

Esin Eraydın schafft es, diesen dichten, manchmal schwierigen Text zu verkörpern – im wahrsten Sinn des Wortes. Als einzig bunter Fleck in einem kargen, düsteren Raum tanzt sie, tobt, malt abstrakte Ideen als Bäume auf den Boden und strahlt ein Kraft aus, die so scheint, als könne keine Diktatur der Welt sie brechen.

Aber dieser Tanz gegen die Unterdrückung ist eine immer neue Aufgabe, die nie ganz erfüllt ist. Irgendwoher müssen wir die Kraft dafür schöpfen. Zum Beispiel aus der Kunst.

Das Stück wird noch drei weitere Male, heute, Mittwoch um 20.30 im BRUX (Freies Theater) und am kommenden Samstag und Sonntag, selbe Zeit und selber Ort, aufgeführt.

Titelbild: (c) Carmen Sulzenbacher