Kolumne

Freitagsgebet #7: Ne nous laisse pas entrer dans la tentation

Freitagsgebet. Aber, was tun, wenn einem die Worte fehlen? Auf den bestehenden Gebetsschatz der Religion zurückgreifen! Für Christen bietet sich da das Vaterunser gut an. Sieben Bitten. Vom Essen bis hin zu einer kleinen Einführung in die Kosmologie, wo wer wohnt und wer was will. Bewährter Favorit. Und Hitschlager bei Erstkommunionen. Doch, wie betet man das Vater unser? Seit einer Woche weiß das niemand mehr.

Franziskus mag Franzosen. Der Papst mag sie, weil sie die Dinge immer ein wenig anders machen als der Rest der Welt. Das kleine gallische Dorf bleibt halt das kleine gallische Dorf, mit dem Mittelfinger auf alle Zentralmächte der Welt gerichtet. Letzte Woche haben die Franzosen das Vaterunser geändert. Einfach so. C’est la vie. Die ursprüngliche Übersetzung „Ne nous soumets pas a la tentation“ (dt.: „Unterwerfe uns nicht der Versuchung“) wurde zu „Ne nous laisse pas entrer dans la tentation“ („Lass uns nicht in Versuchung geraten“). Wer jetzt darin keine krasse Revolution erkennen mag, der meditiere über den Unterschied von „Lass nicht zu, dass deiner Katze der Kopf abgehaut wird“ und „Hau deiner Katze bitte nicht den Kopf ab“. Letzteres impliziert eine gewisse, erahnte Beteiligung auf Seiten des Adressierten. Das ist mit „in Versuchung führen“ nochmal verzwickter, weil ich – sozusagen – dir die Schuld gebe, dass ich schuld sein werde. So nach dem Motto: Du hast mich förmlich dazu gedrängt, mit deiner Schwester zu schlafen, in dem Sinne hast eigentlich mehr du mit ihr geschlafen als ich, und das ist Inzucht. Inzucht ist schlimmer als Ehebruch… Also! Lässt man einmal alle theologischen und religiösen Befindlichkeiten außen vor, bleibt doch eine interessante Überlegung so kurz vor Weihnachten: In diesem ewigen Spiel vom Menschen zwischen Schuld und Vergebung taumelt seit Anbeginn der Zeiten diese Idee von Versuchung. Gleichsam als Pendant zur Verantwortung. Beiden gemein ist, dass wir alle vernetzt sind, gar nicht anders können, als uns gegenseitig zu bedingen und vice versa bedingt zu werden. Im Guten wie im Bösen. Das vollkommen autonome Individuum ist eine große Erzählung der Moderne, die gerade vorm Christbaum in Versuchung geratet, in ein Wir aufzubrechen.

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