Kolumne

Freitagsgebet #5: Die Macht der Verwundbarkeit

Warum vertrauen wir eigentlich in abstrakte Einrichtungen und ihre Vertreter? Es ist wieder Freitag, Zeit für Gesellschaftskritik.

Es ist verhältnismäßig leicht, jemanden zu vertrauen, wenn man ihn gleichzeitig überwacht oder wenigstens überwachen kann. Franz Kafka konterkariert so in seiner Erzählung Der Bau das Phänomen Vertrauen als Produkt von Macht und Autorität. Unser Staat präsentiert sich als Kontrollorgan, das Bürgerinnen und Bürger durch ihre Hierarchie überwacht und wenn nötig auch bestraft. Diese Kontrolle verschafft dem Staat jenes abstrakte, transzendente Vertrauen seitens der Gesellschaft, auf dem seine Autorität baut und ohne das er im Letzten nicht handlungsfähig wäre. Nun verzichtet besagtes Vertrauen umgekehrt, anders als ein zwischenmenschliches, immanentes Vertrauen auf den eigenen, individuellen Kontrollmechanismus, das Vertrauen jederzeit entziehen zu können. Vertrauen wird so zum trägen, gesellschaftlichen Diskurs und die_der Einzelne überträgt ihre_seine Entscheidungsfähigkeit dem Kontrollmechanismus des Systems. Derartige Strukturen ermöglichen die Sicherung des öffentlichen Vertrauens trotz Missbrauch und Fehlverhalten, erzeugen in der Folge ein perfides Netz von Vertuschung und Unrecht.

Der Staatstheoretiker Thomas Hobbes konstatiert Mitte des 17. Jahrhunderts das Soziale als Ausnahmeform und Überwindung natürlicher Rivalität. Ausgehend vom Plautuszitat Homo homini lupus (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) beleuchtet er die Erfindung eines transzendenten Vertrauens in soziale Strukturen als Gründungsvoraussetzung stabiler Regierungsformen: Die Kumulation von Individuen in ein Kollektiv, die damit verbundene Übergabe individueller Entscheidungsvollmacht an übergeordnete Organe, gelingt ausschließlich dann, so Hobbes, wenn diese an einen übergeordneten Prosperitätswillen für alle Beteiligten glauben, m.a.W. mehr oder weniger blind einer Idee vertrauen. Analog zur Genese religiöser Jenseitsvorstellungen wird das Vertrauen folglich auf abstrakte, ideelle Sozialstrukturen übertragen und verlieret damit seinen  natürlichen, unmittelbaren Erfahrungswert.  Denn, anders als im Falle der Vorhersagbarkeit von Naturgeschehnissen oder der Instinktgebundenheit von Tieren oder Menschen im frühkindlichen Stadium gründet die menschliche Fähigkeit des Vertrauens nach aktuellen evolutionsbiologischen und entwicklungspsychologischen Diskursen auf kognitiv verarbeiteten Erlebnissen.

Vertrauen baut auf der individuellen Erfahrung, und ist zwangsläufig immanent, d.h. es setzt konkrete Begegnung und Interaktion voraus, m.a.W. es muss erarbeitet werden. Die kulturhistorische Transzendierung vom intersubjektiven, immanenten Vertrauen auf rein geistige Konstrukte, wie beispielsweise die Ideen des Staates, der Universität und des Schulsystems wird möglich, weil der Akt des Vertrauens, mit der kognitiven Reifung über das angeborene Instinktvertrauen (natürliches Vertrauen vom Säugling zur Mutter) hinausgehend, eine freie Willenshandlung darstellt: Während immanentes Vertrauen ständig an das Verhalten und die Reaktion des konkreten Gegenübers gekoppelt ist, folglich höchst sensibel und jederzeit widerrufbar bleibt, findet sich transzendentes Vertrauen lediglich in einer Rückbindung an die eigene Willensentscheidung wieder – unabhänig der Reaktionen des Gegenübers.  Als gesellschaftliche Notwendigkeit und Autorität argumentiert, kommen Ideen von Staat, Universität und Schule so öffentliches Vertrauen a priori zu, gleichzeitig entziehen sich ebendiese jedoch als abstrakte Konstanten der Verantwortung und wälzen die Verantwortung im Problemfall auf die in ihren Augen schwarze Schafe: Dies hat zur Folge, dass konkrete Ausdrucksformen der Idee, sei es in konkreten, lokalen Institutionen oder bei Einzelpersonen als Vertreterinnen und Vertreter derselben, a priori in den Genuss dieses Vertrauens kommen: Dem Herr Direktor kann vertraut werden; könnte man ihm nicht vertrauen, wäre er nicht der Herr Direktor. Logisch oder?

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