Persönlicher Brief

Liebe Traumfrau!

"Traumfrau, wo bist du?", fragt sich der 23jährige Lukas, Jusstudent in Innsbruck. Leider hat er mit seiner Suche ausgerechnet während der Erstausstrahlung der siebten Staffel von Game of Thrones begonnen. Seine Auserwählte besaß natürlich einen Sky-anschluss, den übrigens ihr Freund bezahlte. Lukas wusste von beidem jedoch noch nichts. Ein Tinnitus von Eis und Feuer.

Liebe Traumfrau!

Ich bin mit meiner Geduld wirklich am Ende. Der Tiefpunkt ist erreicht.  Wie sicher war ich mir doch, dass ich dich endlich gefunden hatte! Deine Ausstrahlung, dein Lachen, dein Charme. Seit ich dich bei Tinder nach rechts gewischt hatte, warst du für mich der Mittelpunkt des Universums. Der Witz deiner wortgewandten Nachrichten eroberte in nur wenigen Zeilen mein Herz. Für unser erstes Treffen hatte ich mich sorgfältig vorbereitet: Friseurbesuch, Ganzkörperrasur, Finger- und Zehennägel wohlgeschnitten, neues Hemd, schöne braune Lederschuhe mit dazugehörendem Gürtel, Zähne geputzt, zwei Mal sogar. Ich war auf alle Eventualitäten des Abends bestens vorbereitet, auf alles, nur nicht auf ein Date zu Dritt: Stundenlang schaute ich dir in die Augen, während du die bärtigen Gestalten aus Games of Thrones bewundert hast. Als selbstverpflichteter Gentleman hatte ich mir die Regel auferlegt, beim ersten Zusammentreffen nicht mit der Tür ins Haus zu fallen und deiner Person alle Aufmerksamkeit zu schenken, bzw. in deinem Fall der Liebe zu Lieder von Eis und Feuer zu folgen. Meine guten Vorsätze zerplatzten als mich deine Leidenschaft, an Wucht Daenerys‘ Invasion von Westeros um nichts nachstehend, überwältigte: Jedes Mal, wenn Jon Snow mit eiserner Miene durch die mittelalterliche Eiswelt streifte, erfasste dich sichtlich starkes körperliches Begehren. Deine Hände kamen den meinen immer näher, dein Kopf schmiegte sich zunehmend an meine Seite, doch dein Blick verharrte unverändert am Bildschirm. Die Fantasie, dass du Daenerys und ich Jon war, lies dich das, was uns die Serie bisher vorenthielt, zwischen uns Wirklichkeit werden wollen. Das leidenschaftliche Verschmelzen von Feuer und Eis mündete in feuchtfröhlicher Erquickung und dein Interesse wandte sich das erste Mal am Abend von Westeros weg hin zu mir. Mit einem Schwung fand ich dich augenblicklich auf mir sitzend, bereit zum Angriff wie Drachen aus dem Hause Targaryen. Es folgte ein ausgedehnter Eroberungszug, der seinesgleichen erst finden musste. Wenn sich Game of Thrones durch eine Qualität von anderen Serien abhebt, dann durch die Kunst der unerwarteten Wende. So auch in unserem Fall. Als Jon Snow gerade sein Schwert ansetzte, um den Schädel seines Gegenübers zu spalten, und wir mit unseren Körpern das Kampfgeschehen lustvoll imitierten, unterbrach das Geräusch, dass jemand gerade die Haustüre aufsperrte, unsere Zweisamkeit. Sogleich überschlugen sich die Ereignisse im Sekundentakt. Deine Hand griff reflexartig nach meiner zerknüllten Hose, die ich aufgrund des innigen Duells vorsichtshalber abgelegt hatte. In hohem Bogen flog sie samt Handy, Geldtasche und Schlüssel aus dem offenen Fenster, schneller als mein Blick ihr folgen konnte. Entsetzt starrte ich wie gebannt auf deine mit zarten Rüschen verzierte Unterwäsche und musste bedauerlicher Weise feststellen, dass dein atemberaubender Anblick in der Hitze des Gefechtes zu einer unerwartet frühen Reaktion meinerseits führte. Du warst darüber sehr entsetzt und fauchtest mich ob der Hellhörigkeit deiner Wohnung lautlos an, ich sollte es meiner Hose gleichtun und sofort aus dem Fenster springen. Ja, du warst auch im wirklichen Leben ein Drache, nicht nur im eiskalten Liebesspiel. Es folgte ein Moment des kollektiven Schweigens. Noch vom Taumel benommen und nur mit T-Shirt, Boxer und Socken bekleidet erklomm ich von deinen anhaltenden Tritten und Schlägen motiviert den Fenstersims und sprang in die nasse Wiese des Innenhofs, nur um von unmittelbar nach mir herausfliegenden Schuhen am Kopf getroffen zu werden. Wenige Augenblicke zuvor noch innig mit dir verschmolzen fand ich mich platschnass im Regen wieder und betrachtete durch das inzwischen geschlossene Fenster wie dein, mir bis dato unbekannter Freund mit Küssen und Umarmungen an der Tür begrüßt wurde. Schnellstmöglich schlüpfte ich in die durchnässte Hose und bemerkte, dass direkt mir gegenüber eine alte Frau mein Missgeschick beobachtete. Sie wies mich höflich aber dezent darauf hin, dass ich bitte nicht durch die Blumenbete gehen sollte und der Innenhof eigentlich nicht für Besucher geöffnet sei. Auch sie hätte früher zahlreiche Verehrer gehabt, von denen es noch jeder geschafft hatte, über die Haustüre ein- und auszugehen. Ich lächelte, nickte zurück und versuchte diesen Ort des Unheils auf kürzestem Wege zu verlassen. Um die Ecke näherte sich gerade ein Nightliner. Ich verkroch mich auf die hinterste Bank und beobachtete die herabfließenden Tropfen auf der Außenscheibe. Plötzlich berührten lange, nasse Haare meine rechten Arm. Ich folgte mit meinen Blicken ihrer seidenen Spur und hörte sogleich deine zarte Stimme sagen: „Ahm,…“

Titelbild: (c) Nylon Boy, flickr.com