Kolumne

Freitagsgebet #1: Metanoia

Es ist Freitagnacht. Klirrende Kälte und glasklarer Sternenhimmel umgeben mich. Ich sitze in meinem schwarzen Ziegenhaarzelt, umgeben vom Duft verbrannten Zedernöls aus einer dreiarmigen Öllampe. Ausgewandert aus Europa mit der Sehnsucht nach Außenperspektive. Mein einziger Proviant: ein Sack voller Bücher.

Lebensformen sind Privatsache. Ich bin ein Kind des politischen Liberalismus. Krankenkasse, saubere Gehsteige und öffentliche Hallenbäder sind vornehmlich Geldfragen. Ich zahle und bekomme. Wer abends neben mir in meinem Bettchen liegt, wie ich mich abseits aller Dienstverträge kleide und welche Kräuter nun genau in meiner Pfeife landen – das alles ist wohl doch allein meine ganz persönliche Angelegenheit. Rahel Jaeggi widerspricht. Die Berliner Philosophin tadelt die ethische Enthaltsamkeit beim Thema Lebensführung. Voraussetzung für Autonomie sei zu aller erst Kritik an der eigenen Lebensführung. Ihre philosophische Therapie: Entwerfen statt Geworfensein. In Lebensformen werden wir alle unfreiwillig hineingeboren. Uns die Möglichkeit der Kritik an uns selbst vorzuenthalten, nimmt uns die Fähigkeit echter Freiheit. Es geht um die Kunst einer immanenten Kritik, von uns an uns selber. Die alten Wüstenväter sprachen von Metanoia – einer Transformation des Denkens (μετά “nach” und νοέω “denken”): Du mußt dein Leben ändern.

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.

(Rilke, Archaïscher Torso Apollos)

Titelbild: (c) flickr.com