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Die Ringelblumenbotin #4: Von tollen Kirschen und anderen Beeren

Das Sammeln ist uns seit Urzeiten eine Lust: Früher war es Nahrung, heute sind es eher Follower. Kein Wunder, in der virtuellen Welt ist das Anhäufen auch um einiges weniger anstrengend. Wieso es sich trotzdem lohnt, in der Wildnis zu wildern - zumindest die eine oder andere Beere.

Beeren sind zum Essen da, wenn man sie zufällig beim Wandern findet. Aber sie in größeren Mengen zu sammeln überlassen wir lieber unseren einkochwütigen Großmüttern. Um auch nur ein paar Gläser Beerenmarmelade zusammen zu bekommen, müssten wir schließlich so lange still im Unterholz sitzen, bis unsere Aufmerksamkeitsspanne um ein Vielfaches überschritten ist. Deshalb fangen wir lieber gar nicht erst an. Das ist aber ein Fehler, weil wir so nie in den Genuss der heilenden oder psychoaktiven Wirkung unserer heimischen Beeren kommen würden.

Die zahmen Beeren aus den Bergen

Die harmlose Heidelbeere etwa, in diesen Breiten eher als „Moosbea“ bekannt, ist nicht nur eine passable Zutat für Smoothies und Müslis, sondern in getrockneter Form oder als „Moosbeerwein“ auch sehr bekömmlich. Sie wird in der Volksmedizin gerne gegen Durchfall eingesetzt, aber auch bei Diabetes –  und erstaunlicherweise verbessert die Heidelbeere auch die Sehkraft. Ob sie im Luftkrieg gegen Deutschland tatsächlich die Nachtsicht der englischen Piloten verbesserte, ist aber nicht bewiesen. Aber etwas großzügig betrachtet, ist die Heidelbeere in der Befreiung Europas quasi eine C-Klasse-Prominente.

Außerdem lässt sich auch abseits vom Smoothie allerhand Leckeres daraus kochen, wobei die hiesigen Moosbeernocken nur eine Möglichkeit sind. Tatsächlich wird man nach Wong Kar Weis „My Blueberry Nights“ die Heidelbeere nie mehr auf dieselbe Art betrachten können und sie für ungemein romantisch halten.

Weit weniger romantisch ist die Anwendung ihrer engen Verwandten, der Preiselbeere, die als Saft gegen Blasen- und Nierenentzündungen sowie gegen Rheuma eingesetzt wird.

Hexenbeeren und Teufelsaugen

Eine weniger schmack-, dafür aber sehr zauberhafte Beere, die sich jetzt an vielen Orten ernten lässt, ist die Wacholderbeere. Die wächst am Strauch aber erst, wenn die Zweigspitzen im Vorjahr gründlich abgenagt wurden, weshalb die Ziege zum Wacholder fast ebenso notwendig gehört wie das Schweinchen zum Trüffel. Wacholderbeeren helfen besonders bei Verdauungsbeschwerden aller Art, vor allem Sodbrennen. Sie können auch wirksam gegen Rheuma eingesetzt werden – da darf man es aber mit der Behandlung nicht übertreiben, weil die Langzeitwirkung auf die Nieren eher schädlich ist. Dafür kann ein Wacholdergebräu Zukunftsvisionen hervorrufen, ist früher behauptet worden – und viele Gintrinker von heute können das bestätigen.

Die Tollkirsche dagegen – auch ein beliebtes Sammlerstück – zeigt nicht erst nach Wochen bedenkliche Wirkungen. „Belladonna“ wird sie auch genannt, weil die Frauen sie vormals zu Zwecken der Verführung einsetzten: In kleineren Dosen genossen weitet die Tollkirsche die Pupillen, was angeblich eine besonders erotische Wirkung hat. Bevor die plastische Chirurgie erfunden war, musste die Damenwelt eben zu solch unsicheren Mitteln greifen – aber die Schwarze Tollkirsche ist weit weniger gefährlich als Botox, man muss immerhin ein Dutzend davon essen, um sich zuverlässig umzubringen.

Eingesetzt wird sie vor allem in der Homöopathie, wobei das hochgiftige Atropin auch in der Schulmedizin als Antidot verwendet wird, da allerdings nicht in Beerenform. Davon abgesehen ist die kleine Kirsche auch lustiger als Botox, das bekanntlich die Lachmuskulatur einfriert: Sie macht nämlich toll, ruft also hübsche oder weniger hübsche Halluzinationen hervor, die sogar das Ausmaß einer Zeitreise annehmen können – das wird zumindest im Film Der die Tollkirsche ausgräbt behauptet. Kein Wunder also, dass ihr alle möglichen schrecklichen Wunderkräfte nachgesagt werden und man sie gerne Teufelsauge nennt.

Der Legende nach war sie neben dem giftigen Bilsenkraut, Schierling und Schlafmohn ein Bestandteil der „Flugsalbe“, mit der sich Europas Hexen zu ihren Treffen mit dem Teufel einrieben. Das ist gar nicht so abwegig, weil der übermäßige Tollkirschengenuss wirklich lebensechte Flughalluzinationen hervorrufen kann

Eine Zauberpflanze ist, der Legende nach, auch der Holunder. Als Schutzbaum und Maskottchen der Göttin Freya galt er schon den Germanen. Dass sich, wie es im Mittelalter hieß, Judas an einem Holunderbaum erhängt hat, ist aus klimatischen Gründen eher unwahrscheinlich – deshalb muss man ihn auch nicht übermäßig fürchten.

Wenn man nicht alle Blüten am Holunderstrauch vorzeitig aberntet, um daraus Sirup zu machen – ein äußerst zweifelhaftes Gebräu, dem von „Hugo“ zumindest ein klein wenig Glamour verliehen wurde – kann man im Spätsommer und Frühherbst du kleinen schwarzen Beeren ernten und zu Marmelade oder Saft verarbeiten. Vor allem der Saft kann zu allen möglichen Zwecken eingesetzt werden, vor allem als probates Mittel in der Grippesaison.

Der schwarze Holunder wirkt sowohl schweißtreibend (und damit fiebersenkend) als auch antioxidativ. Erkältungen und grippale Infekte kann man mit Holunderblütentee oder Holunderbeerensaft gut behandeln, ebenso wie leichte Verdauungsbeschwerden.

Also den Hugo Hugo sein lassen und warten, bis die Beeren wachsen. Und wem das Leben ohne süße Cocktails zu langweilig ist, kann immer noch Gin trinken, bis er in die Zukunft sieht oder die eine oder andere Tollkirsche einwerfen. Wenn er sie erstmal gefunden hat…


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Titelbild: (c) biolib.de