Konzertrezension

Nicht alles, was glänzt, ist Metal

Im Sommer flüchten alle Schwarzgekleideten vor einem Übermaß an Sonnenlicht aus Skandivinavien in den Süden. Wenn es draußen nicht zumindest dämmert, hinterlässt Metal einen üblen Geschmack auf der Zunge. Vielleicht liegt es am schalen Bier. Im Fall von Apocalyptica war vielleicht einfach die Jahreszeit unpassend.

Es ist ein bisschen traurig mitanzusehen, dass auch die Lieblingsmusik der zwanghaft Provokanten und Subversiven irgendwann erwachsen (sprich: nutzenmaximierungsorientiert) wird. Metal ist längst ein Produkt, das auch im Mainstream Abnehmer findet. Über lange Zotteln, satanistische Tätowierungen und Metallringe als Augenbrauenersatz kann sich nicht einmal mehr der seriöse Arbeitgeber aufregen. Metal ist sleek und akzeptabel geworden.

Ein Stachel im Auge

Aber das Qualitätskriterium heißt immer noch: Lieber erdverkrustetes und ungeschliffenes Edelmetall als verführerisch glänzende Alufolie. Für ihr Konzert in der Music Hall waren Apocalyptica für von Kopf bis Fuß in Alufolie gewickelt. Die hat sich als sehr schweißbeständig erwiesen, weil eine Headbanging-Show nebst Cellospielen bei 30° um acht Uhr abends ein ziemlicher Kraftakt ist. Nicht alles wird durch Leistung besser, und wenn es um Kunst geht, kann sie sogar störend wirken. Es ist eigentlich cool genug, Enter Sandman auf einem Cello zu spielen und deshalb eher unnötig, selbiges über dem Kopf und sonstwohin zu schwingen.

Diese vier apokalyptischen Reiter sind zwar im Gebahren heftig und maßlos, aber eigentlich sehr, sehr brav. Echter Metal wächst nämlich aus tiefem, existenziellem Weltschmerz und daraus entbrennendem Zorn. Wer die in Growling, Punch und Grind kanaliseren kann, ist dann auf der Bühne oft ganz lieb und gelassen. Solchen, die sich vor lauter Selbstinszenierung fast mit der Cellostachel das Auge ausstechen, kaufe ich die Haltung nicht ganz ab. Entweder es fließt echtes Blut, oder man ist der radikalen Gewaltlosigkeit verpflichtet. Metal hat extrem zu sein. Halbe Sachen sollen die anderen machen.

Am Cello nichts Halbes

Am Cello ist Apocalyptica dann aber keine halbe Sache. Metal ist musikalisch oft sehr diffizil – Phänomene wie Wizard wollen wir jetzt mal ausblenden. Unabhängig davon, ob sie, wie bei der aktuellen Tour, fast ausschließlich Metallica covern oder Eigenkompositionen performen, beherrschen diese Finnen ihr Instrument mit der Präzision von Slayer und der Power von Slipknot. Elektronisch verstärkt hört man am Streichinstrument jeden Schnitzer, aber davon leisten sie sich keine.

Also kein Grund für Komplexe – wieso dann schon wieder eine ganze Tour „Plays Metallica“, wo doch die eigenen Sachen oft viel besser sind? Wieso über Jahrzehnte hinweg eine Band covern, die musikalisch halbinteressant ist und (für Metal unüblich) eher wegen der immer wieder guten Lyrics gehört wird? Wieso „back to the roots“, wo doch in den luftigen Höhen des unorthodoxen Genremix ziemlich gute Sachen entstanden sind?

Retro zur Selbstvermarktung

Apocalyptica haben es verstanden, der Welt ins Gehör zu rufen, dass Metal von klassischer Musik gar nicht so weit entfernt ist – heute ist er vielleicht der Musikstil, der ihr harmonisch oft am nächsten kommt. 1996 hatte es noch unvergleichlichen Stil, wenn vier Abgänger der Sibelius-Akademie in Helsinki mit ungewaschenen Haaren primordiale Saiten aufzogen und sich in heftigem Staccato ergingen. Das hatte was. Das war Avantgarde. Aber eine Band muss mehr als ihre Marke und mehr als die Summe der Faninteressen sein.

Offenbar hat es seit der frühen Metallica-Zeit keine wesentliche künstlerische Entwicklung gegeben. Das lässt dann auch daran zweifeln, dass Apocalyptica Ausdruck von etwas anderem sein will, als jugendlicher – und ob des verbrauchten Teints eher unangemessener – Rebellion. Aber solange in einem reichlich vollen Konzertsaal der eine oder andere bei Nothing Else Matters ein Tränchen verdrückt, war das Unternehmen erfolgreich.

Spätabends meint dann ein rein optisch einwandfreier 90er-Metaller am Bankomat: Nein, diesen Blödsinn würde er sich nicht anschauen. Und überhaupt, wenn man guten Metal hören will, muss man woanders hinfahren.

Das ist jetzt nicht notwendigerweise so, aber die Music Hall ist als Tausendsassa-Substitut für Hafen und Weekender nur bei viel Nachsicht geeignet. Die Lage ist beschissen, die Akustik so lala, die Atmosphäre verbesserungswürdig.

Bei postapokalyptischem Bier und Abendessen und der heimischen Küche klingen Apocalyptica in der Spotify-Variante deutlich cleaner, aber auch deutlich düsterer. Und die Welt ist wieder in Ordnung. Das ist nicht das, was man sich von einer Apokalypse erwartet, aber gut. Der Metal ist auch nicht mehr das was er einmal war.

Besser in der Einöde

Für diesmal können wir festhalten: Manchen tut auch einfach das Publikum nicht gut. Ich hätte auch wenig Lust, vor 16-jährigen Goths mit Strapse und Metallica-Fans, denen bei jedem Hopser ein Bandscheibenvorfall droht, neunzig Minuten lang auf einem eh schon anspruchsvollen Instrument dann auch noch anspruchsvolle Musik zu spielen. Am besten geht die Band in skandinavischer Einsamkeit ab, im Spätherbst eingesperrt in ein Blockhausstudio in der Einöde, so meine Fantasie. Ein Elch späht durchs Küchenfenster und freut sich über den guten Sound. So soll Metal sein.


Zum Reinhören


 Titelbild: (c) Ralf Strahtmann