Henry David Thoreau

Ich will gar nicht gehorchen, aber wem?

Heute vor 200 Jahren wurde in einem Kuhdorf in Neuengland ein sehr unbequemer Geist geboren. Henry David Thoreau verließ kaum je die nähere Umgebung von Concord, aber seine Ideen haben es bis nach Delhi und Johannesburg geschafft. Sie geistern auch heute noch durch alle möglichen Köpfe und Blogeinträge. Zur Feier eines Klassikers: Brauchen wir heute noch zivilen Ungehorsam?

Politisch infantil

Es ist schon das Wort allein, das an etwas längst Vergangenes gemahnt: Ungehorsam. Hat den Ruch des Katholischen, des Moralinsauren und des Militärischen zugleich.

Gehorsam ist kein Wert mehr, also ist auch Ungehorsam nicht zeitgemäß. Vor 200 Jahren stiefelte die moderne Demokratie noch in Kinderschuhen durch die amerikanische Pampa, darauf folgten pubertäre Phasen der Rebellion und, wie in der Jugend üblich, ein Flirt mit dem Sozialismus, dann eine gravierende Midlife-Crisis im 20. Jahrhundert. Heute ist die westliche Demokratie gesettlet, wohlgenährt und zufrieden – von der einen oder anderen lästigen Infektion mit rechten Bazillen mal abgesehen. Wenn man alt wird, schwächelt beizeiten das Immunsystem.

Ungehorsam ist etwas für die anderen, die noch keinen anständigen Staat mit Verfassung und freiem Markt zustande gebracht haben. Unsereins fläzt abgeklärt vor dem Fernseher und schmunzelt nachsichtig. Ja, alle müssen sich mal die Hörner abstoßen. Das wird schon. Aber sie werden sich noch wundern, womit man sich so herumschlagen muss, wenn man erst erwachsen ist.

Ungehorsam ist leicht. Er ist eine einfache Denkfigur: Man tut nicht das, was erwartet wird. Es gibt einen Imperativ und man hört weg. Steuern kann man hinterziehen, die Prügelstrafe kann man verweigern, entlaufene Sklaven kann man nicht ausliefern. Etwas zu verweigern mag prekäre Folgen haben – Thoreau wurde sowohl entlassen als auch eingebuchtet –, aber als Handlung ist es einfach.

Vater Staat im Altersheim

In Mitteleuropa leben wir aber in Zeiten eines schwächelnden Staates, der mit dem Zeitgeist nicht mehr ganz mitziehen kann und den der technische Fortschritt überfordert. Die Fiskalpolitik ist seine Hauptbeschäftigung und Existenzberechtigung. Sich darüber zu echauffieren ist weder verboten noch folgenreich. Wir tun es gerne und häufig. Aber echter Ungehorsam wäre fast geschmacklos, so als würde man einer verpeilten Montessorilehrerin üble Streiche spielen.

Und doch wird immer wieder aus diversen Ecken moniert, die europäische Gesellschaft würde sich infantilisieren lassen.

Die Proteste am G20-Gipfel, die dauerhaft rotzige Haltung der linken Opposition, das politisch korrekte Mit-dem-Finger-auf-andere-Zeigen sind – bei aller Berechtigung – in einem Wortsinn infantil ist, der für Kinder eine Beleidigung ist. Dieser Ungehorsam braucht und will keine Verantwortung, er ist weder kreativ noch konstruktiv. Er ist eigentlich eine Frechheit.

Das Blockhaus als Rebellion

Thoreau hat seine Haltung als „Ungehorsam“ zusammengefasst, aber er selbst war kein Verweigerer. Vielmehr hat er in einer Agrargesellschaft auf dem Weg zur Industrienation eine neue Lebensweise entworfen, die andere Bedürfnisse als die Gewinnmaximierung ins Zentrum rückte: Autonomie, Solidarität, Beschaulichkeit.

Ein Leben in einem Blockhaus in der Einöde, mit guter Lektüre, einem Gemüsegarten und regelmäßigen Rendezvous mit Bäumen und Elchen lässt sich natürlich am besten unter der Regierung verwirklichen, „die am wenigsten regiert“.

Diese mit dem lustigen Namen „Anarcho-Pazifismus“ betitelte Haltung führte Thoreau im vielfach gelesenen und noch häufiger zitierten Essay Resistance to Civil Government aus.

Paradoxerweise ist eine denkbare Konsequenz daraus jener radikale Libertarismus, der allen Bürgern das Tragen von Waffen einräumt und sie ansonsten ihrem Schicksal überlässt.

Ein schwacher Staat kann nur funktionieren, wenn der Mensch – um einen anderen altmodischen Ausdruck zu bemühen – gut ist, wenn er in Eigenverantwortung das Richtige tut (was auch immer das sein soll). Er beweist in Vergangenheit und Gegenwart mit exhibitionistischer Bereitwilligkeit, dass er das nicht ist.

Ziviler Ungehorsam ist eine schöne Sache: Für Menschen, die reflektiert sind, klug und belesen, die solidarisch mit Blick auf das Ganze handeln. Für Menschen also, die es kaum je gibt. Auch ein französischer Staatsbürger, der sich nach Kindheit und Jugend in den Banlieues eines Tages in die Luft jagt, übt sich in zivilem Ungehorsam. Das tut auch seine Schwester, wenn sie verschleiert auf die Straße geht.

Isolation ist auch keine Lösung

Das wirklich Politische passiert nicht in den Ministerien, Gewerkschaften oder Behörden, sondern zwischen den Akteuren, die ihr Habitat miteinander teilen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diesen Lebensraum auf eine Art zu gestalten, dass wir darin ein gutes Leben führen können. Und auch wenn Thoreau vielleicht etwas anderer Meinung war: Ein gutes Leben führen wir nicht in Isolation und Subsistenz, autark – und mit der Kleinkaliber unterm Kopfkissen.

Wir stehen vor der Herausforderung, eine Gesellschaft zusammenzuhalten, die in Fragmente zerfällt, weil ihr der common ground abhanden gekommen ist. Civil disobedience ist ein wichtiger Teil dieses Erbes, das zunehmend nur mehr zwischen Buchdeckeln Raum findet. Aber wenn es darum geht, in was für einer Welt wir leben möchten, braucht es etwas anders als die trotzige Verweigerungshaltung der moralisch Überlegenen.

Politik ist weit davon entfernt, seligmachend zu sein, da haben sie schon Recht, die Ungehorsamen. Aber es gibt auch keine vernünftige Alternative zum organisierten Zusammenleben. Das birgt natürlich ein gewisses Risiko in sich, und je größer die Freiheit, desto größer das Risiko.

Wenn ich jetzt also sage: „Tut etwas! Bringt euch ein! Denkt nach! Geht auf Konfrontation!“, dann steht es euch frei, ungehorsam zu sein. Damit muss ich leben.

Titelbild: (c) Sheldon Levy