Kolumne

Du fragst mich, was Glaube ist #35

In der 35. Folge seiner Kolumne macht sich unser Kolumnist Martin Kolozs Gedanken über die theologische Frage schlechthin.

GottesLiebe ist Menschenliebe

Ein Problem, auf das jeder Gläubig/e früher oder später kommt, sei es, indem sie/er darauf gestoßen oder sich dessen selbst gewahr wird, ist das Problem der Theodizee; also die Frage nach dem Leiden in der Welt und seiner Vereinbarkeit mit der Allmacht bzw. Allwissenheit Gottes.

Darüber haben sich weitaus größere Geister als ich bereits den Kopf zerbrochen, und trotzdem will ich es einmal versuchen, eine mögliche Antwort darauf zu geben; eine Lösung, die mir vor Kurzem eingefallen ist, als ich über meine Beziehung zu Gott, sein gelegentliches Schweigen und die Freiheit des Menschen nachgedacht habe.

Ausgegangen bin ich dabei von der Frage, die mir weitaus öfter gestellt wird, als jede andere: Wie kann man an einen liebenden Gott glauben, wenn man alles Elend auf dieser Welt betrachtet?

Bisher habe ich mich darauf meistens in eine Gegenfrage geflüchtet, nämlich: Wie kann man einerseits Gottes Existenz verneinen, indem man auf Kriege, Krankheiten und alles weitere Gräuel verweist, aber andererseits Gottes Existenz nicht voraussetzen, wenn man alles Schöne, Großartige, Heilbringende usw., das uns widerfährt, wahrnimmt, denn: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“[1]

Aus rhetorischer Sicht war/bin ich mit dieser Replik zwar zufrieden, aber eine echte, sprich: (er-)klärende Antwort auf die Frage der Theodizee wird daraus dennoch nicht; darum mein Versuch einer Lösung dieses Problems:

Zwei Grundannahmen/-erfahrungen gelten dafür: (1) Gott hat dem Menschen die Freiheit gegeben; d. h. er ist selbstverantwortlich, was sein Fühlen, Denken und Handeln betrifft. (2) Wenn wir zu Gott sprechen, indem wir uns etwa im Gebet an ihn wenden, müssen wir oft erfahren, dass er schweigt, bzw. dass wir ihn nicht hören können oder wollen.

Im Hinblick auf die negative Weltlage und das damit verbundene Argument der Theodizee gegen die Existenz eines liebenden Gottes kam mir nun Folgendes in den Sinn:

  1. Das Gebet, das wir an Gott richten, ist unser Ausdruck der persönlichen Verbundenheit zum himmlischen Vater; mit anderen Worten unser Liebeszeugnis.
  1. Gottes Liebe zu den Menschen hat sich ihrerseits in Jesu Christi Geburt, Leben und Kreuzestod zum Ausdruck gebracht; vor allem in den Geboten, die der Heiland uns gegeben hat, und welche immer auf die Liebe zwischen Gott und Menschen bzw. den Menschen untereinander Bezug nehmen.
  1. Gott hat uns die Freiheit gegeben, im Guten oder im Schlechten zu wirken.
  1. Neben dem vielen Schlechten gibt es das alles überstrahlende Gute in der Welt.

Ergo: Wenn wir beten, beten wir zu einem Gott, der uns in Liebe antwortet bzw. für alle Zeiten gültig geantwortet hat: durch Jesus Christus. Sein Gebot der Nächstenliebe bzw. seine letzte und wichtigste aller Weisung: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben!“[2] ist einerseits ein unmittelbarer Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen, andererseits eine Richtungsweisung für unser ganzes Fühlen, Denken und Tun: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“[3]

Das heißt: Das Elend der Welt lässt sich nicht daraus erklären, dass Gott kein liebender Gott ist usw., sondern dass der Mensch der in Freiheit zur Nachfolge Christi und somit zur tätigen Liebe aufgerufen ist, sich entweder in seiner Glaubenspraxis verschließt und durch das scheinbare Schweigen Gottes verunsichern lässt oder es falsch interpretiert, obwohl Gottesliebe unverkennbar im Schönen, Großartigen und Heilbringenden allgegenwärtig ist, oder er bewusst Gottes Liebe nicht erwidert, indem er den Menschen nicht liebt, den Gott liebt.

Mit anderen Worten: Gott drückt seine Beziehung zu uns, die Liebe zum Menschen sehr wohl im Guten aus, aber um dieses Gute in der Welt sichtbar und wirksam zu machen, braucht es Menschen, die Gottes Liebe erwidern, nicht nur (aber auch) im Gebet, sondern vor allem in der tätigen Nächstenliebe, wie sie uns Gottes Sohn eben gelehrt hat. Dann wird auch erkennbar, dass GottesLiebe Menschenliebe ist.

Martin Kolozs, 10. Juli 2017

 

(Die nächste Folge erscheint zum Monatswechsel Juli/August 2017)

[1] Hiob 2,10

[2] Joh 13,34

[3] Joh 13,35