Serie

Wo die Ideen blühen #2: Erleuchtung

Ein kopfcinematografischer Wortreigen, der allen Ansprüchen von Journalismus und zeitgenössischer Medienkultur entschieden widersagt und eine Episodenfolge mit exakt 222 Wörter über jenen Garten erzählt, in dem der Samen der besten Ideen der Welt gesät w[u]erde.

Episode 2: Erleuchtung.

Die Rollläden sind Gesetz. Unbewegt seit zwanzig Jahren, mit einer dicken Staubschicht überzuckert künden sie von einer Süße des postapokalyptischen Solipsismus. Ein einziges Mal am Tag überwindet die Sonne ihren Ausschluss, knackt den Code des Einfallwinkels, vergisst ihn jedoch über die Schwelle taumelnd ehestmöglich wieder, um pfingstig als Exilierte gleich einer kaputten Analoguhr auf die Wiederkunft jenes Inklusionsmoments zu warten, in dem Defekte akkurat sind.  Dann feiern wir Erleuchtung, wenn der Lichtstrahl quer durch das Niemandsland des Büroraums unsere Iris penetriert und wir ideenschwanger im fahlen Licht am Ende des Tunnels unsere eigenen Umrisse allmählich wieder erkennen. Ein Funke zündete verborgen hinter den konturlosen Schatten der Bücherskyline. Eine lautlose Detonation. Wir verdrängten den unheilvollen Schwefel akademischer Hallen und seinen geruchlosen Duft der Zeit, der jede Idee im Augenblick der Geburt mit dem folgenden Schlag des Sekundenzeigers guillotiniert. So saßen wir schweigend, unsere kopflosen Gedanken im Arm aufbahrend. Unsere Blicke wurden bitter und neidisch auf die Ideenleichen der Kolleg_innen. Als nicht mehr unerschöpflich gebrandmarkt leckt der menschliche Geist seine Wunden hinter (selbst) vorgehaltenen Gitterstäben der Terminplaner, blutlustig nach den Blessuren des Gegenübers. Es ist gefährlich geworden Einfälle zu haben, denn die Zeit hat sie zur Mangelware erklärt. Am Markt der Innovation werden Ellbogen gegen Messer getauscht. Im Schweigen der Beschnittenen versanken wir im süßen Staub der Rollläden, der im Licht der Exilierten leuchtete.

Titelbild: (c) Thomas Sojer