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Die Ringelblumenbotin #3: Wieso Markus Stegmayr mit dem Alkoholismus ernst machen sollte

Aus heimischen Kräutern kann man bekanntermaßen nicht nur Tinkturen herstellen, deren Heilkraft indirekt proportional zum Genussfaktor ist, sondern auch unsere liebsten Alkoholika. Die therapeutische Wirkung von Gin & Co. stellt sich nämlich nicht erst mit Überwindung der Blut-Hirn-Schranke ein. Ein Aufruf zum Trinken - auf eigene Gefahr...

Alkohol zeigt erfahrungsgemäß bei verschiedenen Menschen völlig unterschiedliche Wirkungen. Glücklich die, die heiter werden und es bleiben; blöd dran die, die melancholisch werden und dann niemanden zum Reden haben, weil das alle anderen maßlos witzig finden; irgendwo dazwischen die, die einfach einschlafen. Das ist dann aber womöglich nicht nur individuelle Konstitution, sondern chemische Reaktion.

Ein bierfarbener Segen

Der Hopfen, der unser aller liebstem, flüssig-goldenem Therapieersatz den bitteren Geschmack verleiht, wird nämlich in der Heilkunde seit Jahrtausenden als mildes Schlaf- und Beruhigungsmittel eingesetzt. Wer sich keine künstlichen Sedativa reinhauen will, kennt ihn als komisch schmeckendes (aber wirkungsvolles) Präparat.

Hildegard von Bingen stand dem Grünzeug eher skeptisch gegenüber – sie fand, dass er beschwert und traurig macht. Zum Bierkonsum rät sie, ganz züchtige Klosterfrau, aber trotzdem. Um eine Hopfenüberdosis muss man sich jedenfalls keine Sorgen machen. Wer nach zehn Maß eher tot als lebendig ist und auch so aussieht, tut das in der Regel nicht wegen des Hopfens.

Gin Martini? So trocken wie möglich!

Es ist viel eher der Gin, der immer wieder in Verruf gerät – die Lieblingsflüssigkeit von Seebären (dreifach gebrannt), kulinarischen Mimosen (mit Bio-Aromen) und Winston Churchill (nur aus Plymouth) hat kürzlich wieder Furore gemacht.

Im 19. Jahrhundert war der Fusel im Commonwealth aus Gründen des common wealth zeitweilig verboten: Nachdem im Gin Craze halb London Amok lief, hatte man im Oberhaus die Nase voll. Und tatsächlich berichten noch heute so manche aus eigener Erfahrung, dass Gin aggressiv mache…

An der pflanzlichen Geschmacksverstärkung kann es aber nicht liegen. Wacholder, der Gin Aroma und Namen (von jénever bzw. juniper) gibt, ist gut für Nieren und Verdauung. In kleinen Mengen, so reden sich G&T-Liebhaber gerne ein, wirkt er blutreinigend – was sich am Morgen danach in der Regel als Mumpitz erweist. Viel Wasser trinken ist jedenfalls kein Fehler, zumal Wacholder auch entwässernd ist. Heute ist Gin oft mit allerhand fancy Küchenabfällen wie etwa Zitronenschalen oder Kirschkernen versetzt. Das schmeckt erstaunlich gut und zeigt oft noch zusätzlich erheiternde Wirkung; die sagt man zumindest dem Zitronenöl nach.

Wer gerne Gin Martini trinkt, sollte sich – wie auch in den meisten anderen Lebensfragen – an den guten alten Churchill halten und ihn so trocken wie möglich trinken, nämlich als puren Gin, der einmal neben einer Flasche Vermouth gestanden hat.

Die grüne Fee lässt grüßen

Anders als beim Gin gibt es nämlich tatsächlich Hinweise darauf, dass der wermütige Absinth zu Wehmut und Jähzorn führt. In Teilen Europas verboten wurde auch er – nach einem tragischen Familienmord in der Schweiz im Jahr 1905. Eigentlich ist Wermut eine ganz gute Sache, fand zumindest Hildegard. Sie empfiehlt ihn bei Verdauungs- und Menstruationsbeschwerden. Da wird er auch heute noch eingesetzt. Dass Wermut gegen Melancholie hilft, wie sie meint, hat sich dagegen eher nicht bestätigt.

Das Thujon, das im Wermut enthalten ist, ist bekanntermaßen das Gift der grünen Fee, das zahlreichen Künstlergenies und sonstigen Verzweifelten im 19. Jahrhundert Nervenschäden und Halluzinationen von unberechenbarer Natur beschert hat. Wenn man, wie Baudelaire, van Gogh oder Toulouse-Lautrec notorisch verkannt und unglücklich, wenn nicht suizidal ist, sind Besuche der grünen Fee ja vielleicht gar nicht so unwillkommen.

Aber am Ende gilt für den Absinth wie für jedes andere Gesöff die ewiggültige Weisheit des Oscar Wilde: „Nach dem ersten Glas sieht man die Dinge so, wie man sie gern sehen möchte. Nach dem zweiten Glas sieht man Dinge, die es nicht gibt. Nach dem dritten Glas sieht man die Dinge, so wie sie sind, und das ist das Entsetzlichste, was geschehen kann.“

Wer sich, wie das unter Hipstern derzeit üblich ist, gerne selbst in der Alkoholproduktion versuchen will, kann an Berghängen selbst Wacholderbeeren sammeln, ab Juni Wermut ernten und allzeit Hopfen am eigenen Balkon anpflanzen. In dem Fall, für Hipster eher unüblich, ein Akt der Subversion

Titelbild: (c) Wikipedia