Kleingeist und Größenwahn

Gott hat ausgedient

Wenn Gott wirklich ausgedient hat, was dann?

Gott hat ausgedient. Dieser Schluss ist unausweichlich. Wenn ich mich in meinem Umfeld umhöre, gehören diejenigen, die regelmäßig ein Gotteshaus besuchen, zur Bibel oder zum Gebet greifen, zur absoluten Minderheit. Diese Menschen gelten längst nicht mehr als “brave Christen”, sondern schlicht als Sonderlinge. Und auch wenn man die Zeitung durchblättert und nach Glaubensthemen Ausschau hält, sind es selten Positiv-Diskussionen, die man findet. Der Salzburger Weihbischof Laun zum Beispiel vergleicht Homosexuelle mit Nazis und hält die Gender-Ideologie für eine Lüge des Teufels. Für den Pfarrer von Windischgarsten, Gerhard Maria Wagner, ist Yoga im Grunde satanisch. Und mit der Regelmäßigkeit von Ostern kehrt alljährlich auch die Kreuz-Debatte wieder. Soll das religiöse Symbol nun aus dem öffentlichen Raum verschwinden oder nicht? Unser Glaubenskolumnist Martin Kolozs hat seine Sicht heute Vormittag dargelegt. Und auch der Innsbrucker Diözesanadministrator Jakob Bürgler spricht sich für ein Bleiberecht religöser Symbole aus. Keine große Überraschung.

Dass die Innsbrucker Diözese seit über einem Jahr ohne einen Oberhirten auskommen muss, passt indes ins Bild. Rom lässt sich Zeit. Tirols Politik mischt gehörig mit. Die Trennung zwischen Kirche und Staat scheint in einer postmodernen Welt altbacken und unwichtig oder schlichtweg egal zu sein – weil eh jedem wurscht. Braucht es einen Bischof? Geht ja auch ohne, meinen die einen. Auf jeden Fall, die anderen. Wir haben keinen Bischof?, der Großteil. Immer mehr Menschen suchen ihr Seelenheil ohnehin außerhalb der kirchlichen Mauern. Facebook-Gruppen wie “Erwachtes Bewusstsein/Neue Spiritualität” und “Licht, Liebe, Leben” boomen. Wer Antworten will, geht in den Wald und fragt die Natur. Bäume können sprechen, heißt es. Also wird schon jemand antworten. So weit war unsere Menschheit übrigens schon einmal – vor Hunderten von Jahren. Danach kam die Inquisition.

Doch es gibt sie, die kirchlichen Lichtblicke. Papst Franziskus ist so einer. Der rüstige Herr aus Argentinien sorgt seit seinem Amtsantritt für frischen Wind im Kirchenstaat und prägt eine neue Linie. Bescheidenheit statt Klotzen, lautet die Devise. Bleibt zu hoffen, dass sich das auch bis in die entfernteste Diözese durchspricht. Wer glaubt schon einem Prediger, der von Nächstenliebe und Bescheidenheit spricht und sich anschließend in sein Luxus-Penthouse mit Marmorbad zurückzieht? Unlängst hat sich Morgan Freeman in einer Doku – gezeigt auf ORF 3 – auf die Suche nach Gott gemacht. Gefunden hat er ihn im festen Glauben der Menschen. Und es war schlicht egal, ob monotheistische oder polytheistische Religion. Hinter den vielen Symbolen und Namen wird weltumfassend eine alles lenkende, alles aufrechterhaltende, energiespendende Kraft vermutet.

So einfach wäre das. Ob die Oberfläche nun Gott, Allah, Ganesha, Buddha oder sonst wie heißt. Ob der Ort des Innehaltens nun eine Kirche, ein Tempel oder die Natur selbst ist, spielt im Kern keine große Rolle. Fest steht nur. Die Kirche(n) täte(n) gut daran sich endlich wieder unters Volks zu mischen, anstatt durch weltfremde, polemische oder hetzerische Aussagen aufzufallen. Ansonsten hat Gott wirklich bald ausgedient. Das (einzig) Gute daran – die leidige Kreuz-Debatte hätte sich von selbst erledigt. Aber vielleicht kommt es ja noch zur (Wieder)Auferstehung. Es wäre ein günstiger Zeitpunkt dafür. Frohe Ostern!

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