Kinderliteratur

Kinder, was sind das für Zeiten?

Man kann, scheint’s, nicht über Kinder reden, ohne darüber zu reden, was sie alles sollen. Und worüber man besonders gern redet, sind Kinder und ihr Medienkonsum. Von YouTube sollen sie sich fernhalten, dafür aber viele Bücher lesen. Und wie sollen diese Bücher sein? Pädagogisch wertvoll, moralisch eindeutig, politisch korrekt?
(c) Oetinger Verlag

Nein, das doch nicht – darüber ist man sich am Montagmorgen im Literaturhaus am Inn einig. In der Literatur wollen wir aufmüpfige, kluge, autonome Kinder wie Emils Detektive. Sie dürfen ruhig ein wenig politisch sein, wie Pippi Langstrumpf, und geradeheraus behaupten, dass man in einem freien Land herumlaufen kann, wie man will (auch rückwärts). Sie dürfen alleine herumstreunen, Kopf und Kragen riskieren, sich dem Leben aussetzen. In der Literatur dürfen sie das, was sie in der Realität jedenfalls nicht sollen. Unsere Kinder sind nämlich gezähmt.

Das Bild vom Bilderbuch und das Bild vom Kind

Zum allseits beliebten Montagsfrühstück wurde in der Aprilausgabe über das „gezähmte Kinderbuch“ diskutiert. Also kurzum darüber, ob radfahrende Kinder im Bilderbuch unbedingt Helme tragen müssen, ob man jeden Kraftausdruck in der Kinderliteratur  als Sakrileg betrachten muss und ob Zähneputzen als Motiv auch literarischen Wert haben kann.

Wenn das gefordert wird, dann eben deshalb, weil wir sehr klare Vorstellungen davon haben, wie Kinder sind, wie sie denken, was sie sollen. Und wozu sie erzogen werden müssen.

Literatur kann Erziehungs- und Marterwerkzeug sein, sie kann aber auch eine Emanzipation in Gang setzen. Vor allem spiegelt sie einen bestimmten Blick auf Kindheit, der sich im dauernden Wandel befindet. Während Rousseaus Émile noch ein Gschrapp war, den man zur Freiheit zwingen (!) musste, sind die Helden des 20. Jahrhunderts, Momo etwa, von sich aus unabhängiger, besser und klüger als ihre ausgewachsenen Konterfeis. Klar, die durften ja auch noch nicht bei Freinet in die Schule gehen.

Im Mittelalter, so wird oft behauptet, fehlt die Vorstellung von Kindheit als sensibler Phase fast gänzlich. Die kommt erst mit der Mündigkeit, der Schulpflicht, mit den Internaten und der etablierten Pädagogik ins Spiel. Und damit beginnt das ganze Elend.

Ingrid Tomkowiak, die an der Uni Zürich „Populäre Kulturen“ unterrichtet, faltet die Kontingenz unserer Kindheitsbilder wunderbar aus. Sie endet mit einem Plädoyer für Grenzüberschreitung.

Mit ihr diskutierte der weithin beliebte Huflattich (Hubert Flattinger), bekannt als Autor der Kinder-„TeTe“ und einer ganzen Reihe von Kinderbüchern. Er endet mit einem Plädoyer für größeres Vertrauen in die Kinder.

Stefan Hayn, seines Zeichens Filmemacher, sieht vom hochtrabenden Plädieren eher ab. Er arbeitet aktuell an einem Filmprojekt über die Schildbürger. Die Kinder, die mitwirken, sind nicht nur kleine Schauspieler, sie partizipieren und prägen mit. Das Ergebnis ist natürlich etwas völlig anderes als der durchschnittliche Film für und mit Kindern.

In der Diskussion gab es zumindest grundsätzliche Einigkeit darüber, dass Kinder als Publikum ernst zu nehmen und nicht nur zu erziehen sind.

Pädagogisch und literaturwissenschaftlich gesehen ist das wirklich. Und doch hat sich die Veranstaltung selbst maßlos ins Out manövriert. Warum?

Weil ein ganzer Raum voller äußerst kompetenter Literaturwissenschaftler, präpotenter Pädagogen und halbpatenter Laien mit Eifer über Kinderliteratur diskutieren und kein einziges Kind im Raum ist. Natürlich, es ist ein öffentlicher Ort, und es gibt Kaffee. Außerdem ist es Montagmorgen und niemand mag mit der Schulpflicht in Konflikt kommen. Trotzdem, das einzig Richtige wäre es, zumindest eine Person unter 18 aufs Podium zu setzen und mitdiskutieren zu lassen.

Kinder sind auch nur Menschen

Aber Kinder sind nun mal noch nicht geeignet für das Leben in der Öffentlichkeit, wird man jetzt sagen, das müssen sie erst lernen. Da kann ich nur mit Janusz Korczak, der allseits mit seinem Plädoyer für das „Recht des Kindes auf den eigenen Tod“ schockierte, sagen: Kinder werden nicht erst zu Menschen, sie sind schon welche.

Es gibt keinen ontologischen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen, sie sind nicht grundsätzlich „anders“, wie Maria Montessori behauptet hat. Kinder sind nicht weniger ekelhaft, sadistisch oder idiotisch wie Erwachsene. Sie sind auch nicht weniger intelligent, solidarisch oder handlungsfähig.

Schon gar nicht sind sie unschuldiger oder bedürftiger. Man kann noch nicht einmal behaupten, dass ihr Erfahrungsschatz unbedingt kleiner ist oder ihre Entwicklung unvollständig ist. Wir entwickeln uns als Menschen nicht aus uns selbst heraus, sondern im Bezug, in der Konfrontation und der Überforderung. Wir sind auch nicht mit 18 oder 20 plötzlich fertig damit.

Man hält Kinder und Jugendliche recht grundsätzlich von der Öffentlichkeit fern – vom Büchermarkt, von der Politik, von Montagsfrühstücken und von der Straße. Man will sie vor einer schwierigen und hässlichen Welt schützen.

Aber sie sind dieser Welt längst ausgeliefert. Sie leiden ebenso sehr darunter und sind ebenso überfordert davon wie Erwachsene. Sie sind ebenso sehr ein Teil davon und haben ebenso sehr das Bedürfnis, wirksam zu sein und etwas zu verändern.

Man muss sie deshalb auch nicht mit pädagogisch wertvollen Bilderbüchern erst an diese Welt heranführen und ihnen vorkauen, wie sie damit umzugehen hätten.

Lindgren für alle, Ginsberg für alle

Kinderbücher und Kinderfilme sind ein wunderbares Genre – wenn sie Kunst, Ästhetik, Populärkultur sein dürfen und nicht auf ihren pädagogischen Wert reduziert werden, gleich ob der reaktionärer oder emanzipatorischer Natur ist.

Ich liebe Kinderliteratur leidenschaftlich, nicht als Pädagogin, sondern aus ästhetischem Interesse und Vergnügen.

Das finde ich genauso in Ordnung wie einen 12-Jährigen, der Allen Ginsberg liest und eine 14-Jährige, die sich regelmäßig Tarantino reinzieht – wenn sie das aus eigenem Antrieb machen. Und wenn sie mit jemandem darüber in Dialog treten und diskutieren können, die Dinge abladen, mit denen sie nicht gut umgehen können. So wie ich das brauche, wenn mich etwas begeistert, nervt oder überfordert.

Weil sie im Montagsfrühstück oft erwähnt und einmal glorifiziert wurde, will ich zum Abschluss unsere heimische Anarcho-Pädagogin Christine Nöstlinger zu Wort kommen lassen: „In den vergangenen Jahren ging es um: zu viel Erotik, zu viel Aufmüpfigkeit, zu wenig gesittete Ausdrucksweise, zu wenig heile Welt und zu negativ beschriebene Lehrer und Mamas. Aber ob nun Wind von rechts oder links, ganz gleichgültig, das geschieht, weil Kinderbücher nicht als richtige Literatur gelten, sondern als so etwas Ähnliches wie Erziehungspillen, eingewickelt in buntes G’schichterlpapier.“

Kinderliteratur ist richtige Literatur, so wie Kinder richtige Menschen sind. Ein bisschen Grenzüberschreitung würde da ganz gut tun.