Kolumne

Plattenzeit #9: Naqsh Duo – Narrante

Es ist Dienstag. Dieser kommt bekanntlich nie ohne die Kolumne "Plattenzeit" aus. Dieses Mal stellt unser Kolumnist ein herausragendes Debütalbum vor, das die interkulturelle Brücke zwischen dem Iran und dem "Westen" spannt und damit zeigt, wie sich ein imaginärer Raum jenseits der Kategorien "West" und "Ost" musikalisch inszenieren und denken lässt.

Der Iran und der „Westen“


Als ich diese Platte mit dem Titel „Narrante“ in den Händen halte, überprüfe ich bald darauf meine Bilder, die ich mir vom Iran gemacht habe. Vor allem solche, die mir medial vermittelt wurden. Ich sortiere sie. Analysiere sie. Fast alle davon sind negativ konnotiert.

Ich denke an wahnwitzige Aussagen, was die vermeintliche Abwesenheit von Homosexualität im Iran betrifft. Getroffen von einem einstigen Präsidenten. Ich denke an verschleierte Frauen, die ihrer Rechte beraubt wurden. Ich denke an ein einst verhältnismäßig offenes Land, das sich sukzessive wieder zurück in voraufklärerische Zeiten bewegt hat. Tiraden gegen den verhassten Westen kommen mir in den Sinn. Streit um die Entwicklung von Atomwaffen.

Der Iran wurde und wird als eine Bedrohung für den “Westen” wahrgenommen. Die mögliche Faszination für dieses uns weitestgehend fremde Land wird davon fast vollständig überlagert und überschrieben. Im Kontext der Bilder in unseren Köpfen und der potentiellen Bedrohung durch dieses Land ist es schwer den Iran anders zu sehen. Es ist schwierig mir mein eigenes, möglicherweise stark abweichendes Bild vom Iran zu machen, ohne dort hinzureisen.


„Narrante“ und die Traditionen


Das Album „Narrante“ des Naqsh Duo erweitert aber zumindest meinen Blick. Die beiden Musikerinnen Golfam Khayam an der Gitarre und Mona Matbou Riahi an der Klarinette benötigen nicht viel, um archaische Bilder eines fremden Landes zu evozieren.

Ihr Blick auf ihre Heimat ist zugleich intensiv, gegenwärtig und kommt doch nicht ohne Distanz aus. Beide leben nicht mehr in Teheran. Khayam ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der „HEM“ in Genf. Riahi hingegen lebt in Wien.

Dem Album nähert man sich am besten erst einmal mit den Begriffen Folklore und Tradition. Diese sind auf den ersten Blick fest ineinander verzahnt. Folklore ist das, was durch die regionalen Traditionen überliefert wurde. Ist das, was man spielt und pflegt, wenn man in bestimmten geographischen Räumen dieser Welt lebt. Das alles gleicht einem Bekenntnis zur Heimat, zur Herkunft, zu seinen Wurzeln.

Wenig Freiraum bleibt dabei für das agierende und kreativ-schöpferische Subjekt. Es reiht sich in den Traditionsstrang ein, variiert Spielweisen und bekanntes Material, nimmt sich möglicherweise gewisse Freiheiten heraus. Doch es steht nie im Mittelpunkt. Die Lieder sprechen für sich. Musikerinnen und Musiker sind Erfüllungsgehilfen der Tradition und der Folklore. Folklore ist die Musik der Distanzlosigkeit und des unmittelbaren Involviert-Seins. Reflexion darüber gelingt nur schwer.

Hört man das Debüt-Album des Naqsh Duo dann fallen einem sofort „typische“ Skalen und Melodien auf. Das, was man vermeintlich für Musik aus dem „Nahen Osten“ hält. Obwohl der Iran geographisch näher als die USA ist haben wir ein sehr undifferenziertes Bild der dortigen Musiklandschaft. Traditionen und Spielweise zu unterscheiden gelingt uns so gut wie gar nicht. Wir greifen auf Pauschalisierungen und Exotisierungs-Muster zurück.


Der neue Blick auf die Wurzeln


Auf „Narrante“ ist das kreative und schöpferische Subjekt höchst präsent. Der Blick wird zudem nicht auf den Makrokosmos der iranischen Musik gelegt, sondern auf vereinzelte Spielweisen und Spieltechniken, welche die Musikerinnen begeistern. Sie spielen mit Mikrotonalitäten, improvisieren, schöpfen aus dem Vollen der motivischen Ornamentik ihres Heimatlandes. Dass sie dieses schon vor Jahren verlassen haben gibt ihnen eine Freiheit im Umgang mit diesem Material, die erstaunlich und beglückend ist.

Alle Lieder auf ihrem beeindruckenden Debüt-Album wurden von ihnen komponiert. Damit kommt der Aspekt einer möglichen „imaginären Folklore“ ins Spiel. Die Musik der Heimatlosen und der Entwurzelten. Die Musik der Neu-Verwurzelten. Die Musik derer, die sich nicht nur an einem Ort beheimatet fühlen, sondern aus der Distanz mit dem Wissen der neuen Heimat einen neuen Zugang zu den Traditionen und Spieltechniken ihrer Herkunft suchen.

Auf der Platte vereinen sich somit zwei eigentlich gegenläufige Elemente. Zum einen ist diese Aufnahme exakt im Umgang mit Traditionen und Spieltechniken. Nichts wird verkitscht oder banalisiert. Authentizität ist ein Begriff, der einem mehrmals in den Sinn kommt. Zugleich wird diese „Echtheit“ aber gebrochen, das Material erweitert und zu „westlichen“ Musiktraditionen hin geöffnet.

Was echt ist, authentisch und überliefert, was erfunden und mit kreativer Energie und hoher Musikalität erspielt und erarbeitet, lässt sich nur schwer festmachen. Die Platte entzieht sich einer klaren Zuordnung. Ist weder ganz „Westen“, nach ganz „Naher Osten“, ist weder frei in seinem Umgang mit Traditionen noch in diesen vollständig verhaftet.

So merkt man dieser Aufnahme den komplexen Prozess einer Annäherung und einer Distanzierung zu den eigenen Wurzeln an. Es ist eine Platte der Aneignung und der Kritik am Heimatland Iran und dessen Kultur. Zugleich aber auch eine Liebeserklärung. Es ist vor allem auch ein Album das zeigt, was alles möglich wäre, welche musikalische Reichhaltigkeit denkbar wäre, wenn sich die „Folklore“ aus seinem oft zu engen Korsett befreien und beginnen würde, über sich selbst nachzudenken.

Dieses tiefe Nachdenken über Musik, Tradition, Freiheit, Struktur, Überlieferung und Befreiung gelingt den beiden Musikerinnen auf eindrucksvolle Art und Weise. Die Platte wirkt vertraut und fremdartig. Sie evoziert eine hybride Heimat, die verhandelbar ist und sich nicht ausschließlich auf geographische Räume bezieht.

Sie imaginiert, schlägt vor, reflektiert und entwirft. Sie ermöglicht einen freien, unbefangenen Blick auf den Iran und dessen Musiktraditionen. Sie sagt dabei aber eben so viel über die Herkunft wie über die derzeitigen Lebensrealitäten der beiden Musikerinnen aus. Sie fordert dazu auf, eigene Bilder, Urteile und Haltungen zu überdenken. Womöglich gar an einen glückenden interkulturellen Kontakt zu glauben und transkulturelle Utopien für möglich zu halten. Zumindest in der Musik haben diese schon mal einen Platz gefunden.


Fazit


So gibt „Narrante“ vor allem Hoffnung. Und bleibt dabei ganz bei sich als Kunstwerk. Sie ist keine Beschallungsplatte für multi-kulturelle Partys, die sich Verständigung, kulturelle Annäherung und gegenseitige Inspiration zu einfach vorstellen. Es ist ein komplexer Prozess, der Jahrzehnte dauern wird. Mit ungewissem Ausgang. Wenn die kulturelle Hybridisierung aber solche Platten wie die hier vorliegende hervorbringt, dann besteht Hoffnung auf einen erweiterten, geöffneten und kulturell höchst fruchtbaren Kulturraum, der geographischen und kulturelle Grenzen nicht mehr benötigt.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit".

Zum Reinhören


Titelbild: (c) Ateliers d'ethnomusicologie, Bearbeitung: Felix Kozubek