Kolumne

Plattenzeit #2: Julia Rinderle – Geisterszenen

Die Kolumne „Plattenzeit“ geht in die zweite Runde. Auch dieses Mal steht wieder der Genuss von interessanter und außergewöhnlicher Musik im Mittelpunkt. Vorgestellt wird heute die 25-jährige klassische Pianistin Julia Rinderle, die sich an ein Werk heranwagt, welches höchste Virtuosität und Musikalität verlangt: Die „Geisterszenen“ von Anselm Hüttenbrenner.

Der Interpret im Klassik-Betrieb


Der Interpret scheint in den letzten Jahren zunehmend zur Leit-Kategorie in der klassischen Musik geworden zu sein. Man denke dazu nur an Musiker wie Lang Lang oder David Garrett. Beide sind, aus gänzlich unterschiedlichen Gründen, medial sehr gefragt.

Lang Lang genießt dabei durchaus die Anerkennung aus Musikerkreisen, schämt sich aber ganz und gar nicht dafür, bei Fernsehauftritten seine eigene Virtuosität und sein unmittelbares Berührt-Sein auszustellen und als Show-Effekt einzusetzen. Dazu spielt er die interpretierten Werke meist einen Tick zu schnell, um seine Spieltechnik noch zusätzlich mit dem Anstrich der überbordenden Virtuosität zu versehen.

David Garrett hingegen hat die Entscheidung getroffen, aus der Welt der klassischen Musik mehr als nur ein Stück herauszutreten. Spieltechnisch in einer ähnlichen Liga wie Lang Lang anzusiedeln, wagt er sich an Pop- und Rockklassiker und durchsetzt sein Programm mit massentauglichen Stücken aus dem Kanon der klassischen Musik. Die Konsequenz daraus liegt auf der Hand: Garrett tritt nicht nur bei Klassik-Festivals und in Opernhäusern vor dezent ergrautem Publikum auf, sondern “darf” in Shows wie der „Helene Fischer Show“ sein Können vor einem begeistert klatschenden Publikum vorzeigen.

In beiden Fällen wird deutlich, dass der Klassik-Betrieb dazu neigt, Superstars hervorbringen zu wollen und diese zu eben solchen hochzustilisieren. Auf den CD-Covern findet sich meist schon lange nicht mehr das Bild des Komponisten, sondern das des Interpreten. Perfekt in Szene gesetzt, perfekt gekleidet, perfekt geschminkt. Vermutlich lassen sich mit solchen gut aussehenden „Klassik-Stars“ auch eher Platten verkaufen als mit Komponisten der letzten Jahrhunderte. Eine legitime Entscheidung somit.

Daraus ableiten lässt sich aber die Frage, wie die jeweiligen Interpreten mit den Kompositionen und Werken umgehen. Spielen sie sich in den Vordergrund? Sind sie “demütig” und ist ihnen Werktreue wichtig? Kennen sie die Quellen, haben sie sich mit dem Zeithorizont der jeweiligen Komponisten und Kompositionen beschäftigt oder geht es ihnen darum, die eigene Lebenswelt und die eigene Persönlichkeit in das interpretierte Werk (zu) stark einzuschreiben?


Julia Rinderle und die “Geisterszenen” von Anselm Hüttenbrenner


Besonders interessant ist in diesem Kontext die Einspielung der „Geisterszenen“ von Anselm Hüttenbrenner. Die junge Pianistin Julia Rinderle hat damit nicht den einfachsten Weg gewählt. Sie nimmt sich nicht eines Stückes an, das schon hunderte Male interpretiert und aufgeführt worden ist. Als virtuose und bestens ausgebildete Pianistin hätte sie sich mit vorangegangenen Interpretationen beschäftigen und davon ausgehend ihre eigene Interpretation finden können, die zwischen Vorangegangenem und Noch-Möglichem oszilliert.

Im sehr ausführlichen Booklet zur CD schreibt sie: „Bei einem Stück, das man noch nie gehört hat, von keiner Aufnahme kennt, das schlicht noch gänzlich unangetastet ist, vervielfachen sich diese Fragen, und man hat als Künstlerin die große Verantwortung, sich in den ganzen Kosmos eines Werkes hinein zu fühlen und zu denken“. Vorangehend hat sie die Fragen formuliert, wie man als Interpretin bei einem solchen Werk die richtigen Tempi findet, wie man an die spieltechnischen Schwierigkeiten herangeht und wie man der Aussage des Werkes nahe kommt.

Es sei kurz erwähnt, dass es sich bei den „Geisterszenen“ um ein Werk handelt, dass dem Interpreten sehr viel abverlangt. Es gilt sich auf wenig herkömmliche Spieltechniken einzustellen. Es ist unabdingbar damit umzugehen, dass Hüttenbrenner die Grenzen der Spielbarkeit ausloten wollte. Zudem muss man akzeptieren, dass dieses Werk auf einem historischen Hammerflügel deutlich leichter umzusetzen gewesen wäre.

Aus musikwissenschaftlicher Sicht ließe sich jetzt weiter über die Schwierigkeiten und Herausforderungen dieses Werkes referieren. Hier soll stattdessen mit dem Begriff der Interpretation und des Interpreten herangegangen werden. Die Frage ist dabei klar zu formulieren: Wie geht Julia Rinderle mit diesem komplexen Werk um, das zudem noch völliges Neuland ist?

Sie tut es mit der notwendigen Demut. Sie tut es mit dem Blick auf ihre historische Verantwortung, dass sie die erste Interpretin ist, die dieses Stück einspielt. Dennoch ist kaum etwas von dieser Bürde zu hören. Ihr Spiel klingt frisch und hochvirtuos, ist aber an den richtigen Stellen zurückhaltend und ganz im Dienste der Komposition. In der Wechselwirkung zwischen eigener Persönlichkeit und einem herausfordernden Werk als Vorgabe entzündet sich eine faszinierende Interpretation, die man gehört haben sollte.


Fazit


Damit lässt sich zurückkehren zu der ursprünglichen Frage nach der Rolle des Interpreten im gegenwärtigen Klassik-Betrieb. Ist Julia Rinderle eine auf Show abzielende, ihre eigene Person in den Vordergrund stellende Person wie Lang Lang? Umgeht sie gar die entscheidende Komplexität und musikalische Bandbreite der klassischen Musik und bewegt sich gerne in seichteren Musik-Gewässern?

Sie tut beides nicht. Sie hat Respekt vor den Herausforderungen des Werkes von Anselm Hüttenbrenner und weiß, dass es nicht um sie als Person geht, sondern um das Werk an sich. Zugleich ist ihr aber auch bewusst, dass sie als Interpretin es ist, die einen Weg durch diese herausfordernde Kompositionen finden muss. Damit kommen ihre Person und ihre Persönlichkeit ins Spiel. Sie geht den Weg voller Spielwitz, Spielfreude und Virtuosität ohne Selbstzweck.

Allein die Tatsache, dass sie sich dazu hinreißen hat lassen dieses Werk zu interpretieren und einzuspielen zeigt außerdem, dass sie nicht an die Notwendigkeit der Verflachung von klassischer Musik glaubt. So schnell wird man sie, zum Glück, nicht in der „Helene Fischer Show“ auftreten sehen.

Fakt ist jedenfalls, dass mit Julia Rinderle eine hochinteressante Interpretin die große Bühne der klassischen Musik betreten hat und ein wunderbares Werk auf ihre ureigene und doch nicht ostentativ persönliche Weise eingespielt hat. Auch die „Geistervariationen“ von Robert Schumann, die ebenfalls auf dieser CD zu hören sind, festigen den Eindruck, dass wir es bei Julia Rinderle mit einer seriösen und vielseitigen Pianistin zu tun haben, die noch eine große Zukunft vor sich hat.

Hier geht es zu der vorangegangenen Folge von "Plattenzeit"

 Zum Reinhören


Titelbild: Facebook Julia Rinderle, Bearbeitung: Felix Kozubek