Kommentar

DIE neue ZEITLOS: Eine verpasste Chance

Als Journalist sollte man tunlichst Distanz wahren und zwar zu allem. Gut, dass ich nicht nur Journalist, sondern auch Autor bin. Und Autoren dürfen schließlich über alles schreiben. Auch über ihre innere Gefühlswelt. Das werde ich nun tun.
Cover, Die Zeitlos

Gestern Abend, um 23:00 Uhr, genau zu jener Zeit in der ich mich werktags normalerweise in Richtung Bett bewege, vibriert mein Handy. Als ich das Display einschalte, blinkt am oberen Ende das E-Mail-Zeichen bereits aufgeregt. Eine neue Mail hat meinen Posteingang erreicht. Ich klicke darauf und lese den Betreff: Neue Ausgabe des Tiroler Studentenmagazins “Die Zeitlos”. Eine Presseaussendung also. Der Absender: medienimperium@diezeitlos.at Schlagartig war ich wieder wach. Medienimperium? Tirol? Hat die Verlagsholding, deren Flaggschiff ein roter Adler ziert, nun etwa ein eigenes Studentenmagazin gegründet? Irgendwie verständlich. Immerhin rittern Verlage weltweit, um die Gunst der jungen Leser. Genaueres Hinsehen widerlegt meine erste These.

“Von Studenten, für Studenten” – lautet das Motto der Zeitlos. Eine “Plattform für medieninteressierte, junge Menschen” will man darstellen. Zudem sei man auch noch Mitglied der Innsbrucker Students Societies (ISS) und somit zugehörig zu einer der sechs größten Studentenorganisationen Innsbrucks. Schön langsam legt sich mein Schock. #Medienimperium, wie es in der Presseaussendung des öfteren zu lesen ist, scheint humoristisch gemeint zu sein. Ich mag Projekte die nach Revolution und Eigeninitiative riechen. Es gibt doch nicht schöneres, als wenn junge Menschen einen Missstand erkennen oder einen Wunsch hegen, einen Plan schmieden und diesen dann in die Tat umsetzen. Unsere Wurzeln sind schließlich ähnliche. Gerade als ich glücklich und zufrieden weiterlesen will, passiert es. Der Schock. Der Schock, der mich für eine halbe Stunde nicht mehr loslassen will. Ich stehe im Bett.

Dieses Jahr steht das Magazin unter dem Motto – Pfiat di Innsbruck, von den Bergen in die Welt“, steht da geschrieben. Von den Bergen in die Welt? Dieser Spruch kommt mir so bekannt vor, dass mein Kopf zu dröhnen und mein Puls zu steigen beginnen. Die Geburtsstunde des ALPENFEUILLETON war im Sommer 2011. Der Geburtsort, Hamburg. Weil ich damals im hohen Norden nicht nur eine Medien-Hospitanz erleben durfte, sondern von der journalistischen Arbeit dermaßen begeistert war und mich zum ersten Mal so etwas wie eine Sehnsucht nach den Bergen überkam, beschloss ich: Innsbruck, nein Tirol, nein der ganze Alpenraum braucht ein Online-Magazin. Und dort arbeiten wir journalistisch so sauber, so leidenschaftlich und so gut, dass es weit über die gebirgigen Grenzen hinaus gelesen würde. Von den Alpen in die Welt – quasi. Dieser Spruch wurde umgehend in meine Ideenliste aufgenommen und ein paar Freunden, die größtenteils in der Heimat weilten, zugeschickt. Kurze Zeit später, sollte daraus eine wichtige Namensergänzung werden. ALPENFEUILLETON – von den Alpen in die Welt.

Nun liege ich fast fünf Jahre später in meinem Bett. Es ist 23:20 Uhr und an Schlaf nicht zu denken. Von den Bergen in die Welt. Es war töricht, zu glauben, dass niemals ein anderer auf diesen – unglaublich naheliegenden – Claim kommen würde. Dass er fünf Jahre gehalten hatte, war schon großes Glück. Und dennoch fühlte es sich in diesem Moment an, als hätte mir jemand mein Baby gestohlen. Einfach so entführt. Kackfrech, direkt aus dem Bettchen, während ich schlaftrunken in meinem Bett liege. Umgehend greife ich wieder zu meinem Telefon und will diesen Diebstahl melden. Bei den Menschen, die mein Baby damals mit mir geboren haben. Als ich auf Facebook gehe, blinkt eine rote “9” bei den Nachrichten. Einmal – “Gute Nacht” und achtmal im Stile von “Hast du das gesehen??! Von den Bergen in die Welt? Das kommt uns doch bekannt vor? Ist das geklaut?”

Nein. Das ist natürlich nicht geklaut. Nachdem der erste Schock verdaut, die Nachrichten gelesen und die Distanz wieder hergestellt waren, wusste ich das auch. Nein, dieser Spruch ist nicht geklaut. Mein Baby wurde nicht gekidnappt. Es hat nur eine kleine Schwester erhalten. Was mich mehr überrascht – wie aufmerksam die Menschen Projekte verfolgen. Als Autor und Online-Journalist schaut man auf Zahlen. Wird man gelesen oder nicht? Das ist zumindest ein Kriterium. Dass plötzlich zig Nachrichten eintrudeln, die das eigene Projekt schützen wollen, ist dann aber nicht nur überraschend, sondern einfach nur schön.

Die neu gewonnene Freude lässt mich übermütig werden. Eine Idee kommt auf. Wieso nicht einfach den engagierten Damen und Herren des Studentenmagazin schreiben? Einen lustigen Spruch? Eine flapsige Nachricht? Irgendetwas das zum Schmunzeln anregt und einen sympathischen Kontakt herstellt. Doch dann kommt ein Gedanke, den ich nicht mehr wegwischen kann. Wer eine Plattform für medieninteressierte, junge Menschen gestaltet, der wird doch selbst auch medieninteressiert sein? Wer an einer Hochschule studiert und Medien macht, wird sich doch vorher das Umfeld ansehen, die “Konkurrenz” abchecken und sich mal umschauen? Wie kann es dann sein, dass diese Leute unseren Claim “von den Alpen in die Welt” noch nie gesehen haben? Kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Wenn unsere Leser die Verbindung erkennen, dann müssten es doch auch die Jungjournalisten tun?

Aber wieso haben sie sich denn nicht einfach gemeldet? Mal nachgefragt? So generell. Stammtisch für medieninteressierte, junge und ältere Menschen? Ideenaustausch? Gemeinsame Schwerpunkte? Artikeltausch? Gegenseitige Blattkritik? Irgendwie verdammt schade. Denn genau das ist es, was mir an Hamburg so gefallen hat und was in Tirol so fehlt. Eine junge Journalisten- und Schreiberszene, die sich lose austauscht, gemeinsam auf einen Kaffee, einen Spritzer oder ein Stück Kuchen geht. Motivierte, vor Idealismus strotzende Autoren, die sich austauschen, über die Hürden schimpfen, Erfahrungen teilen, Feedback tauschen, von einer bunten, aktiven und freien Tiroler Medienlandschaft träumen.

Von den Alpen in die Welt. Von den Bergen in die Welt. Auch wenn hinter diesen Sätzen thematische Unterschiede liegen, die Sehnsucht scheint eine gleiche. Und auch wenn der Spruch zu 100% alles andere als gekidnappt ist – wäre es doch dennoch ein schöner Anlass gewesen, um zum Hörer zu greifen, den Facebook-Chat zu öffnen und sich zu vernetzen. Kurz überlege ich, ob ich es nicht einfach doch machen sollte. Dass ich mich melden sollte. Diese Story zum Anlass nehmen. Doch ich entscheide mich dagegen. Irgendwie bin ich eingeschüchtert. Wie soll man sich als kleines Feuilleton, denn auch an ein Medienimperium heranwagen? Ich entscheide mich dagegen und für einen Kommentar.

Mittlerweile bin ich weder verärgert, noch überglücklich. Ich sehe nur einmal mehr eine vergebene Chance. Wie so oft in Tirol, wenn eigentlich etwas Gutes entstehen könnte. Vergebene Chancen. Vergebene Möglichkeiten. Weil man ach so sehr auf sich selbst schaut. Das hat hier Tradition. Vergebene Chancen. Irgendwie zeitlos.

Artikelbild (c) Die Zeitlos - Das Studentenmagazin, Quelle: Presseaussendung