Kleingeist und Größenwahn

Was in Köln wirklich passiert ist und warum wir Angst haben sollten

Donnerstag. Zeit für die neueste Ausgabe der Kolumne „Kleingeist und Größenwahn“. Dieses Mal schreibt Markus Stegmayr darüber, was in Köln wirklich passiert ist und warum wir völlig zu Recht Angst haben.

Köln. Schon wieder. Die Angst geht um. Zu Recht. Nicht nur Frauen werden dort bedrängt und sexuell belästigt, auch im Konzertsaal wird gepöbelt und beschimpft. Nicht mal mehr in der Kölner Philharmonie ist man sicher. Dort, wo man sich eigentlich im elitären Elfenbeinturm wähnen könnte. Dort, wo das Gute, Wahre und Schöne zuhause ist.

Dort wo sich die Zuschauer mit komplexen und avancierten Konzepten und Stücken auseinandersetzen können und dies vor allem auch wollen. Die Kölner Philharmonie kann stellvertretend für andere Konzertsäle der Hochkultur in Deutschland und selbstverständlich auch in Österreich stehen. Die Welt ist an diesen Orten noch heil. Könnte man meinen. Doch seit kurzem ist alles anders.

Unsere europäische Identität ist in Gefahr. Unsere Kultur und unsere Werte gehen gerade den Bach hinunter. Flüchtlinge strömen zu Abertausenden zu uns nach Europa. Es sind schon so viele, dass wir gar nicht mehr wissen, wer wir wirklich sind. Umso wichtiger, dass wir unser Werte der Aufklärung und des allumfassenden Humanismus verteidigen. Sonst wird es noch schlimm mit uns enden. Dass wir Ausländer abschieben, die straffällig werden oder gar unsere Frauen bedrohen ist außerdem wohl eine Selbstverständlichkeit.

Es ist wirklich schon weit gekommen. Der Musiker Mahan Esfahani spielt mit seinem Cembalo in Köln an besagtem Ort. Zum Glück auch unsere Musik, die zu uns gehört wie das Amen im Gebet. Johann Sebastian Bach. Den anderen Bach. Ein bisschen zeitgenössische und “Neue” Musik, der gegenüber man sich schließlich auch nicht ganz verschließen darf. Als aufgeklärte, gebildete Menschen lassen wir diese etwas extravaganten Kompositionen über uns ergehen.

Als uns dieser “Nicht-Deutsche” am Cembalo aber das Konzept von Steve Reich und dessen Stück „Piano Phase“ auf Englisch erklären möchte, wird eine Grenze überschritten. Erste Rufe werden laut: „Reden Sie doch gefälligst Deutsch!“. In der Kölner Philharmonie wird man das doch noch erwarten dürfen. Während draußen die Flüchtlinge und Migranten pöbeln wollen wir wenigstens hier unsere guten alten Werte und unsere Kultur hochgehalten sehen.

Es kommt wie es kommen muss. Das Publikum zieht sich zurück. Beharrt darauf so zu sein, wie es eben ist. Wir sind Wir. Unsere Kultur kann mit Minimal-MusicSteve Reich und dessen repetitiver Musik nichts anfangen. Das Publikum beginnt nach wenigen Minuten zu lachen, zu pfeifen und immer unruhiger zu werden. Einige verlassen den Saal.

Der Cembalist stellt, als er das Konzert schließlich unterbrechen muss, die alles entscheidende Frage: „Wovor haben Sie Angst?“ Das Publikum bleibt eine Antwort schuldig. Nach dem Konzert entschuldigt sich ein Zuschauer im Namen des Publikums für dessen Verhalten. Klar. Eigentlich ist das Publikum hier nicht so. Es hatte wohl nur einen schlechten Tag und gerade keine Lust auf diese Art von Musik.

Interessanter als diese Entschuldigung wäre aber eine Antwort gewesen. Eine Antwort auf die Frage von Mahan Esfahani. „Wovor haben Sie Angst?“ Es ist evident, dass das Publikum Angst hatte. Oder sich fürchtete. Zumindest aber tatsächlich verunsichert war von diesem Stück Musik, das zwar ein Klassiker der “Minimal-Music” ist aber den letzten Einzug in den Kanon der großen zeitgenössischen Musik nicht geschafft hat. Das Stück ist fremd, das Konzept wenig vertraut. Möglicherweise auch irritierend. Es ist nicht schön im eigentlichen Sinne, man muss sich mit dem Konzept dahinter beschäftigen um es tiefergehend zu verstehen. Es sperrt sich gegen die rein schöngeistige und bildungsbürgerliche Rezeption.

Die Antwort des Publikums hätte somit lauten müssen: „Ja, wir haben Angst!“. Wir haben Angst vor dem Fremden. Vor dem, das sich unseren Gewohnheiten und Konventionen entgegenstellt. Vor dem, das nicht zu uns gehört. Vor dem, das wir als Bedrohung wahrnehmen, das wir im ersten Moment nicht verstehen. Wir haben Angst vor dem Zeitgenössischen und Angst vor der Gegenwart.

Wir haben Angst vor der Komplexität der Jetzt-Zeit. Wir wissen nicht, wie sich Europa durch die Migration verändern wird und was mit unseren „Werten“ passieren wird. Wir haben Angst vor Musik, die sich außerhalb unseres europäischen Kanons befindet. Generell somit vor zu viel Fremdheit, vor zu viel Andersartigkeit, vor Menschen und Konzepten, die wir noch nicht einordnen und schon gar nicht in unser Weltbild und unsere Vorstellung von Kunst und Kultur integrieren können.

Was in Köln passiert könnte überall passieren und wird bald überall passieren. Wir sollten Angst haben. Aber nicht vor dem „Fremden“ und dem „Andersartigen“, sondern vor unserer eigenen Kleingeistigkeit. Wir sollten uns für unser verzweifeltes und pedantisches Festhalten an unseren Werten schämen. Die Frage „Wovor haben Sie Angst“ muss also anders beantwortet werden. Ich habe Angst vor Verschlossenheit, Kleingeistigkeit und vor mit kultureller Identität gerechtfertigter Dummheit und Kleinbürgerlichkeit. Das könnte Europa und „unsere“ Identität tatsächlich ernsthaft gefährden.

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