Magazin im Magazin

“Der Landbote” am Alpenfeuilleton

Der ehemalige Journalist und heutige Oberhirte, Blogger und Pilger Werner Kräutler, übernimmt die inhaltliche Gestaltung des neu eingeführten AFEU.at-Ressorts "Der Landbote". "Der Landbote" wird als "Magazin im Magazin" lanciert. Über die Schwerpunkte und Themen des Landboten, schreibt Kräutler in seinem Kommentar.
“Der Landbote” am Alpenfeuilleton

Der Landbote


Unter diesem Namen, dieser Rubrik möchte ich in den kommenden Wochen und Monaten versuchen, ein Problem öffentlich zu machen, das für viele Tiroler_innen noch nicht wirklich greifbar ist. Es geht um die Bedrohung eines uralten, kulturellen Erbes: jenem von Alm und Bergmahd. Um die existenzielle Bedrohung unserer Bergbäuerinnen und Bergbauer. Und auch darum, diesen Bedrohungen aktiv entgegenzutreten.

Ich danke dem Redaktionsteam des ALPENFEUILLETONs für den Platz, der mir und diesem Thema eingeräumt wird. Damit beweisen die Leute um Felix Kozubek und Markus Stegmayr jenen Weitblick, den unsere atemlose Gesellschaft völlig verloren hat.


Der Inhalt


Es geht (im Weitesten) um Alm und Bergmahd. Und damit natürlich auch um die hochalpine Landwirtschaft. Was heißt das?

1. Wissen über die Geschichte

Kurz erklärt: Bereits in der Eisenzeit, also zwischen 800 und 500 v. Chr. zogen die Alpenbewohner_innen mit ihren Tieren – meist Schafe und Ziegen – auf hoch gelegene Grasflächen, um damit im Sommer zusätzliche Weidegebiete zu erschließen. Vor allem aber, um auf den Talweiden in der Zwischenzeit jenes Heu zu ernten, mit dem die Tiere über den Winter gebracht werden konnten. Zwischen 1850 und 1880 erreichte die Bewirtschaftung der Berggebiete dann einen Höhepunkt. Damals wurden alle Flächen mit Vegetationsbedeckung in irgendeiner Form genutzt.

Seit etwa 1950 ist der sogenannte ,Strukturwandel‘ in der Landwirtschaft in vollem Gang. Riesige agro-industrielle Komplexe sind entstanden und haben die kleinteilige Landwirtschaft verdrängt. Die Politik unterstützt diese unselige Strukturbereinigung zudem mit Milliardenbeträgen, die vor allem in die Agroindustrie (Riesenmolkereien, Riesenställe, Riesenverarbeitungsbetriebe, Riesen-Agro-Exportunternehmen etc.) fließen. Die kleinteilige, ökologische Landwirtschaft muss sich mit Almosen begnügen.

2. Daten und Fakten

Mir geht es in diesem Zusammenhang auch darum, die dramatische Situation der Bergbäuerinnen und Bergbauern darzustellen. Es ist ein Faktum, dass diese spezielle Art der Landwirtschaft derzeit von der flächendeckenden Auslöschung bedroht ist. Mit quasi ,logischen‘ Folgewirkungen für Täler und alpine Ballungszentren, die gar nicht dramatisch genug dargestellt werden können. Und da wären wir wieder bei Almen und Bergmähdern. (Wer nun denkt, dass die Berufsgruppe der Bergbäuerinnen und Bergbauern gut und satt von Förderungen leben könnte – so wie es urbane Legenden gerne berichten – dem sei empfohlen, den Landboten in Zukunft genau zu lesen.) Unter dem Titel Daten und Fakten wird zukünftig die trostlose Situation von Bergbäuerinnen und Bergbauern mit Zahlen dargestellt und belegt werden.

3. Diskussionen, Anstösse und Projekte

Es war Werner Bätzing, der mir mit seiner  ,Streitschrift zur Zukunft der Alpen: Zwischen Wildnis und Freizeitpark‘ (Rotpunktverlag Zürich. 2015) die Augen geöffnet hat. Und der für mich Anstoß dafür war, über konkrete Aktivitäten zur Erhaltung der Bergmähder und Almen nachzudenken. Speziell ein Satz war es, der mich quasi elektrisierte: „ Den Bauerngeselschaften gelang es (damals zwischen 1850 und 1880), die sprunghafte Naturdynamik im Alpenraum so stark zu dämpfen, dass sie hier dauerhaft leben und wirtschaften konnten.“ Mit anderen Worten: die Bewirtschaftungsform war auch gleichzeitig eine Katastrophenvorbeugung.

Was passiert aber, wenn die Bergbäuerinnen und Bergbauern die Gabeln auf den Miststock werfen und aufhören, Hänge, Talwiesen und Bergmähder, aber auch Almen zu pflegen? Ja, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn Muren und Lawinen jährlich Schäden in dreistelligen Millionenhöhen anrichten.

Diese Landschaft soll auch in Zukunft erhalten bleiben.

Diese Landschaft soll auch in Zukunft erhalten bleiben.


Die „Schule der Alm“


Als vorläufiges Ergebnis des Nachdenkens über die Zukunft von Almen und Bergmähdern, haben einige Freunde und ich die Idee einer „Schule der Alm“ entwickelt. Wir wollen mit intensiver Aufklärungsarbeit, mit Argumenten und mit Aktionen Freiwillige finden, die bereit sind, in den kommenden Jahren mitzuhelfen, in ihrer Freizeit Bergmähder und Almen zu pflegen oder zu revitalisieren. Wo starten? Im Valsertal, einem Seitental des Nordtiroler Wipptales.


Freiwillige zur Erhaltung des kulturellen Erbes


Und genau auf diese Arbeit wollen wir die Volontäre vorbereiten. Älpler und Bergbauern stehen zur Verfügung, um den Freiwilligen die nötigen – meist handwerklich-bäuerlichen – Kenntnisse zu vermitteln. Und sie im Rahmen von Perfektionskursen auf aktive Freiwilligen-Einsätze zur Erhaltung des kulturellen Erbes vorzubereiten.

Es sind allesamt Arbeiten, die früher von den bergbäuerlichen Großfamilien erledigt worden sind. Allein: die Großfamilien existieren nicht mehr. Und wenn, dann sind die Familienmitglieder in anderen Berufen tätig. Wenn Bergbäuerinnen und Bergbauern heute überhaupt noch ihren Hof besorgen, tun sie es dort, wo es mit Hilfe von Maschinen möglich ist. Und es geht auch dann um das pure Überleben.

Dennoch: Der Zustand von Almen und Bergmähdern wird direkte Auswirkungen auf die Zukunft der Alpen haben. Sterben Almen und Bergmähder, werden auch die Täler darunter leiden.

Im nächsten Artikel wrde ich die Zusammenhänge zwischen alpiner Kulturlandschaft und Katastrophenschutz aufzeigen.


Weiterführende Links zur “Schule der Alm”:

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