FuckUp-Night #2

Von Bionik, christlich-philosophischen Sexbüchern und Bartwuchs

Regelmäßig treffen sich die Loser des Landes in der upgefuckten Bäckerei in Innsbruck, um ihr Scheitern jenen näher zu bringen, die es noch vor sich haben oder die Trost in der Anwesenheit von Leidensgenossen suchen. Aus Nah und Fern wird über unternehmerisches, kleines, schulisches, universitäres und liebestechnisches Scheitern berichtet.

Zum zweiten Mal war Innsbruck also Teil der FuckUp-Community, wie es sie in vielen Großstädten schon länger gibt. Unternehmer berichten über ihr Scheitern und wollen damit eine kleine – oder auch große – Mentalitätsreform im Denken über „Erfolg und Misserfolg“ anstoßen. Da am vergangenen Donnerstag auch ein christlicher Philosoph über sein upfucken berichtete, bekam dieser Abend wahrscheinlich einen ganz besonderen Touch. Dazu kam noch, dass der dritte Vortragende ausfiel und eine StandUp-Einlage über nicht-unternehmerisches Scheitern den Abend haarig beendete.

Klassisches, unternehmerisches Scheitern:

Unternehmerisches UpFucken, Mitten in der Wirtschaftskrise. Foto )

Unternehmerisches UpFucken, Mitten in der Wirtschaftskrise. (c) Birgit Koell Fotografien

Elke Bachler schrieb einen grandiosen Businessplan. Das verdankte sie ihrer FH-Ausbildung. Der Plan war so gut, dass die Bank ihr Geld gab und 2008 die Unternehmensgründung im „Jahr der Krise“ starten konnte. Was das Unternehmen genau anbot, verstand der Otto Normalverbraucher eher nicht. Ich auch nicht. Bionik war dabei (als Absolvent eines naturwissenschaftlichen Gymnasiums kannte ich diesen Begriff). Innovation war in der Krise nicht so gefragt. Elke war alleine in ihrem Unternehmen. Die Mitbewerber nahm sie als sehr divenhaft war. Jeder nahm sich sehr wichtig. Upfucken tut da niemand. Alle sind mega erfolgreich. Immer. Im dritten Jahr kam eine Rechnung bezüglich Sozialversicherung. Diese Rechnung war unbezahlbar. Jetzt hieß es agieren oder reagieren. Elke ging neue Wege. Aus „Elke-Allein“ wurde „Elke im Team“. Sie wurde Teil einer GmbH, Kompetenzen wurden konkret aufgeteilt und man denkt nun handfest in Produkten. Elke bietet heute erfolgreich „Hilfe zur Selbsthilfe“ an. Dazu musste sie aber erstmal ordentlich abfucken.

Das kleine Scheitern und die Ehre:

Martin Kolozs - Autor, Verleger und "Hure seiner selbst" auf der FuckUp Bühne. (c) Birgit Koell Fotografien

Martin Kolozs – Autor, Verleger und “Hure seiner selbst” auf der FuckUp Bühne. (c) Birgit Koell Fotografien

Der christliche Philosoph Martin Kolozs „ist ein österreichischer Schriftsteller, Journalist und Verleger“. So steht es auf Wikipedia . Auf Wikipedia findet man bekanntlich „bekannte“ Personen. Außerdem schreibt er auch für das ALPENFEUILLETON. In der Bäckerei musste Martin wieder einmal feststellen, dass ihn heute niemand kennt. Da bringt man zig Theaterstücke auf die Bühne, verlegt erfolgreich Bücher, schreibt fürs ALPENFEUILLETON, bekommt Auszeichnungen und dann steht man in Innsbruck vor über 100 Leuten und niemand kennt einen. Auf Social-Media-Kanälen bezeichnet er sich als „Hure seiner selbst“. Martin ist niemals richtig abgefuckt. Es gab aber Momente, da fühlte er sich „im Ego verraten von sich selbst“. Als er z.B. nach ersten Erfolgen sechs Flaschen Wein von einem Freund kaufen wollte, war sein Konto leer – das kann ’s doch nicht sein, oder? Da berichten Medien über einen und dann kann man sich keine sechs Flaschen Wein leisten.

„Dies über alles, dir selbst sei treu!“, zitierte er Hamlet weiter. Wie weit kann man gehen, bevor die eigenen Ideale verraten werden? Sein Verlag brachte u.a. ein „Sex-Buch“ raus, welches sich ziemlich erfolgreich verkaufte. Dafür muss sich Martin oft rechtfertigen. (Anm.: Ursprünglich, bis zur Richtigstellung durch den Beschriebenen, stand hier: “Darauf ist Martin nicht wirklich stolz.”) Kurze Zeit später wurde aber ein „Tierschutz-Buch“ rausgebraucht. Dieses verkaufte sich eher schleppend. Hätte man also den Erfolg des „Sex-Buches“ nicht gehabt, wäre das „Tierschutz-Buch“ nicht finanzierbar gewesen. Wie weit kann man also von seinen Idealen Abstand nehmen? Diese Frage beschäftigte den Philosophen natürlich.

Heute definiert sich Matin über seinen inneren Antrieb. Trotz vieler Ups and Downs macht das Arbeitsleben am Ende so doch sehr viel Spaß. Er hatte ja auch immer die Möglichkeit auszusteigen, tat dies aber nicht und kann sich heute wahrscheinlich auch die sechs Flaschen Wein leisten.

Das haarige Scheitern:

Haarige Sache, bei dieser FuckUp Night. (c)

Haarige Sache, bei dieser FuckUp Night. (c) Birgit Koell Fotografien

Eigentlich tragen drei Menschen bei der FuckUp-Night ihr Scheitern vor. Nummer drei fiel aber aus. So bot man an, dass jemand aus dem Publikum seine Geschichte vorträgt. Daniel Feichtner nahm diese Gelegenheit war. Respekt. Daniel ist kein Unternehmer. Daniel war nicht besonders gut in der Schule und auch nicht im Informatikstudium. In der Liebe hatte er auch nicht so den Durchblick. Damit die nette Dame, heute Exfrau, aus Amerika aber dableiben durfte, heiratete er sie. Mit Minijobs hielt er sich und seine Ex lange Zeit über Wasser. Als sich der Ausblick für ein bezahltes Praktikum im Rahmen der Journalismus-Akademie ergab, war die Motivation groß. Hunger war der große Antrieb und brauchte ihn zum Erfolg. Sein „upgefucktes“ Äußeres (so sah man den Bart bis zum Bauch und die Haare bis zum Po zumindest in diversen heimischen Redaktionen) änderte er indem er der „Tirolerin“ vorschlug, sie sollten doch ein dokumentiertes Umstyling samt Fotostrecke und Youtube-Video machen. Das sparte Daniel die Kosten für Frisör&Co und er war optisch nun das, was die Redaktion von ihm wollte. Heute schreibt er für „6020“.

Fazit:

Wie oft hören wir von Oma und Vati in sentimentalen Momenten: „Steh zu dir!“, „Tu was dir Spaß macht!“, „Sei du selbst!“, „Lebe deinen Traum!“ und und und… Nur damit man sich zu Weihnachten dann anhören kann „Hast nun endlich einen Job?“, „Mach doch diese Ausbildung!“, „Geh’ zur Gemeinde – die suchen immer wen!“ oder „Der Hans, dein alter Schulfreund ist schon CEO, hat drei Dr.-Titel, eine Familie und ein Penthouse!“.

All das muss dir egal sein – also so richtig! Man kann im Leben 5km/h fahren und wenn man gegen einen Baum fährt, passiert nichts. Man kann aber auch 100km/h fahren und sollte da blöderweise ein Baum stehen, tut das weh. Das Leben will aber nicht, dass du 5km/h fährst! Und ich glaub, das will uns die FuckUp-Night hier sagen. Upfucken, meinetwegen kurz weinen, dann aufstehen und wieder 100km/h fahren. Daraus lernt man und daraus wird man stark. Wer die drei Persönlichkeiten am Donnerstag sah, merkte, dass das keine Kinder von Traurigkeit sind.

Es gibt eine Zeit zum upfucken und eine Zeit zum aufstehen, eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen – und in der Bäckerei wurde gelacht!

Artikelbild (c) Birgit Koell Fotografien; Quelle FB-Seite "FuckUp-Nights Innsbruck"