Kultserie

Österreich wohnt in Kaisermühlen

Vor 23 Jahren feierte eine der erfolgreichsten österreichischen Fernsehserien ihre Premiere: der Kaisermühlen Blues. Bis 1999 wurde die Serie produziert, seit einigen Wochen läuft sie wieder täglich vormittags auf ORF 2. Schauen wir uns das einmal genauer an.

“Bei uns in Kaisermühlen lasst es sich schon leben, was? Fast wie auf die Kanarischen Inseln, is es bei uns, wanns Wetter schen is. Na is es nit so, oder? Richtig internäschional, is bei uns olles. Jede Rasse is bei uns vertreten. Und liberal seima olle.” So begrüßt SPÖ Bezirksrat Rudolf Gneisser (Götz Kauffmann) in der ersten Folge des “Kaisermühlen Blues” das Fernsehpublikum. Der Beginn einer Erfolgssaga: 64 Folgen sollten gedreht werden, insgesamt sieben Jahre lief der Blues über die österreichischen Mattscheiben.

Wie der Name schon verrät, spielt die Serie in Kaisermühlen, einem Teil des 22. Bezirks Wiens. Schauplatz dort sind verschiedene Grätzel, die Handlung dreht sich um deren Bewohner, die vor allem der Arbeiterschicht zuzuordnen sind. Die Charaktere orientieren sich am Leben: zwischen der Hausmeisterin, die alles weiß und jedem der ihr etwas entgegenzusetzen hat, eine “Gosche” andreht, oder dem ehemaligen Fußballnationalspieler, der sich mit der Rente begnügen muss, spielt sich das Geschehen ab. Die einzelnen Charaktere aufzuzählen würde jeglichen Rahmen sprengen, deshalb werden hier nur die wichtigsten behandelt.

Kopf hinter dem “Kaisermühlen Blues” ist Ernst Hinterberger. Für den mittlerweile verstorbenen Schriftsteller war Serie kein Fremdwort, hatte er doch in den 1970ern mit “Ein echter Wiener geht nicht unter” eine Kultserie erschaffen. Beim “Kaisermühlen Blues” wollte Hinterberger mehrere Hauptpersonen einbinden, deshalb wählte er einen Gemeindebau als Setting für die Handlung. Denn dort würden sich die Personen noch kennen.

Bei Erstausstrahlung waren viele Autoren und Leser des AFEU noch sehr jung und klein, saßen aber doch mit ihren Eltern vorm Fernsehgerät und horchten dem derben Wiener Dialekt zu. Die Serie mag zwar nicht neu sein, die Themen sind aber aktueller denn je.

Rassismus

Gitti Schimeck (Marianne Mendt) ist die gute Seele der Serie: alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Besitzerin einer Traffik und Anker für viele Bewohner der Stiege. Vorurteile jeglicher Art sind ihr ein Fremdwort, ihr Wien muss und darf so bunt wie möglich sein. Zu Beginn der Serie geht sie eine Beziehung mit einem afrikanischen UN-Chaffeur ein, der etwas später bei ihr einzieht. Einigen ist die Beziehung ein Dorn im Auge, Drohanrufe, Schmierereien und aufgestochene Radreifen inklusive:

Die alte Hexe des Gemeindebaus ist die Pensionisten Frau Kaiser (Ellen Umlauf), die mit ihrem Hund Wasti immer alles ganz genau wissen muss. Kaiser beobachtet die anderen Bewohner rund um die Uhr und gibt ihre Informationen in Telefonaten weiter. Mit wem sie telefoniert ist meistens unklar, spielt aber auch keine Rolle, da sie hauptsächlich einfach nur tratschen will. Kaiser ist sehr konservativ und äußerst leicht reizbar. Als der vermutlich an Down-Syndrom leidende Franzi (Gerald Pichowetz) mit seiner Schwester Lena in den Gemeindebau zieht und sich als Straßenbahnlinie 5 ausgibt, zeigt sich Kaisers wahres Gesicht: in ihr schlummert eine tiefbraune Gesinnung.

Politik:

Zentrale Figuren der Serie sind die beiden Bezirksräte Rudolf Gneisser – SPÖ (Götz Kauffmann) und Erwin Schoitl – ÖVP (Peter Fröhlich). Gneisser ist der engagiertere und der größere Träumer, er setzt sich für die Menschen ein, jedoch fehlt es ihm mitunter an Realität. Schoitl kommt aus einem klassischen bürgerlichen Haus und besitzt zudem am Beginn der Serie ein mäßig erfolgreiches Lederwaren-Geschäft. Beide sehen Kaisermühlen als Nabel der Welt, müssen sich aber auch dem jungen und aufstrebenden Konkurrenten der FPÖ Hermann Vysloczil (Alfons Haider) stellen. Vysloczils ausländerfeindliche Politik findet auch in Kaisermühlen großen Andrang. Die folgenden Szene aus dem Jahr 1996 kann man (leider) problemlos ins Jahr 2015 transferieren:

Das who is who der österreichischen Schaspielerschaft gibt sich im “Kaisermühlen Blues” die Ehre. Jeder der damals etwas auf sich hielt, wollte eine Rolle in Hinterbergers Geschichte erhalten. Dabei findet letzterer für jeden Darsteller den passenden Charakter. Ob Roland Düringer als Kleinkrimineller Joschi Täubler oder Michael Niavarani als dessen Kärntner Bewährungshelfer Andreas Zucker- äh Kuchenbäcker, das passt wie die Faust aufs Auge. Harald Sicheritz und Erhard Riedlsperger führten in den sechs Staffeln Regie. Mit “Trautmann” wurde darüber hinaus noch ein erfolgreiches Spinn-off geschaffen.

“Kaisermühlen Blues” ist ein österreichisches Kulturgut und als solches auch zu betrachten. Hinterbergers Weitblick ist auch 20 Jahre nach Premiere hochaktuell. Womit man abschließend auch leider erkenn muss: die österreichische Politik und Teile der Gesellschaft scheinen sich im Kreis zu drehen. Ängste und Mechanismen spielen heute eine ähnliche Rolle wie damals. Nur die Kamera ist eine andere.

Für Studenten und andere derzeit zu sehen: von Montag bis Samstag auf ORF 2 um 10:20, sofern es der Nationalrat zulässt.
Titelbild: Screenshot/Youtube