Schicksalstag

Warum der 27. April ein besonderer Tag für Österreich ist

Die Gründung der Zweiten Republik und auch Österreichs erste ernstzunehmende Aufarbeitung mit seiner Vergangenheit fallen auf diesen, einen Spätapriltag. Konkret: von Kanzler Renner zu Präsident Waldheim.

 

Oft fallen ganz unverhofft, historische Ereignisse an ein und denselben Tag. In den meisten Fällen weiß man zum Zeitpunkt des Geschehens noch nicht, dass Geschichte geschrieben wird. Erst später, wenn man eine Einschätzung geben kann, herrscht Klarheit. Dann muss man nur noch die Jahreszahl hinter dem Datum wechseln.

Es gibt besondere Tage im Jahr: Feiertage auf die man sich freut, weil man frei hat, besondere wiederkehrende Highlights, seien es die Salzburger Festspiele oder das Finale der Champions League oder Geburtstage, weil man da gefühlt der König der Welt ist. Und viele Menschen können dank Wikipedia nachschauen, was an ihrem Geburtstag alles geschehen ist, welche Ereignisse für die Welt von Bedeutung waren und wer den Geburtstag teilt bzw. wessen Leben an diesem Tag ein Ende nahm. Vorweg sei gesagt: Alles Gute Zum Geburtstag an jene die heute, am 27. April Geburtstag haben: mit euch kann Österreich feiern, denn an eurem Geburtstag, feiert eigentlich auch Österreich seine Gründung.

Unabhängig noch vor Kriegsende

Im April 1945 kommt der zweite Weltkrieg langsam endlich zu einem Ende. Rund um den 13. April wurde um Wien gekämpft, rund 400.000 sowjetische Soldaten kämpften gegen 28.000 deutsche Soldaten, 18.000 bzw. 19.000 kostete dieser Kampf das Leben. Seit 1943 und der Moskauer Deklaration galt die Befreiung Österreichs als Kriegsziel der Alliierten Streitmächte. Dort wurde Österreich als erstes Opfer Hitlers bezeichnet, allerdings wurde auch von der Beteiligung Österreichs und dessen Schuld gesprochen. Deshalb versuchte Karl Renner, Erstkanzler der ersten Republik Österreichs, schnell in Kontakt mit den Alliierten treten zu können, was er am ersten April, also noch vor dem Kampf um Wien, erreichen konnte.

Renner wollte den Sowjets bei der Bildung einer Regierung behilflich sein, wurde aber von Stalin mit dieser Bildung beauftragt. Renner und Stalin kannten sich aus der Zwischenkriegszeit und Stalin vertraute Renner, was den westlichen Alliierten nicht unbedingt Freude bereitete: der Verdacht lag nahe, Renner und damit auch Österreich, würde mit den Sowjets kollaborieren. Um dem entgegenzuwirken wurden Mitte April die SPÖ, die ÖVP und die KPÖ gegründet.

Karl Renner

Karl Renner

Diese drei Parteien verkündeten am 27. April die Unabhängigkeit Österreichs, obwohl der Krieg noch nicht offiziell zu Ende war. Die provisorische Regierung bestand aus zehn Vertretern der SPÖ, neun der ÖVP, sieben der KPÖ und drei Unabhängigen/Parteilosen. Die meisten Vertreter der KPÖ kamen direkt aus dem Moskauer Exil, andere aus ländlichen Unterschlüpfen. Diese Regierung wurde anfangs nur von den Sowjets anerkannt, die restlichen Alliierten folgten am 20. Oktober 1945 rund einen Monat vor den ersten Nationalratswahlen.

Karl Renner wurde Staatskanzler mit den Staatssekretären (=Ministern) Leopold Figl (ÖVP), Johan Kopelnig (KPÖ) und Adolf Schärf (SPÖ). Der spätere Kanzler Julius Raab (ÖVP) war Amtsinhaber für Öffentliche Bauten, Übergangswirtschaft und Wiederaufbau, die KPÖ stellte in Person von Franz Honner und Ernst Fischer die Minister für Inneres und Unterricht.