10 Platten gegen akutes Hipstertum

Devin Townsend – Z2

Endlich mal ein Mann, der musikalisch genial ist und sich zugleich überhaupt nicht scheut, sich absolut lächerlich zu machen. Keine Frage: Der Humor von Devin Townsend ist eigen. Und seine Musik ist es auch. Irgendwie ist das ja sogar Prog-Metal. Wenn nicht Townsend unlängst gesagt hätte, dass er es auf einer früheren Aufnahme bewusst so weit getrieben hätte, dass dieses ganze Prog-Rock-Zeugs absolut lächerlich wirken würde. Mehr Technik, mehr spielerische Virtuosität, mehr Bombast.

Auch auf dem vorliegenden Doppel-Album treibt es Townsend bunt. So bunt, dass bald nicht mehr klar ist, was wirklich ernst gemeint ist und was vor Ironie nur so strotzt. Musste dieser Chor hier wirklich noch sein? Braucht es wirklich noch eine weitere Gitarrenschicht? Diese Fragen können hier eigentlich nie letztgültig beantwortet werden. Geht es Townsend gar darum, den Prog-Metal der Lächerlichkeit preiszugeben und ihn damit in sich selbst zusammen fallen zu lassen?

Geht es ihm darum, aus den Trümmern dieser Stilrichtung dann etwas Neues zu erschaffen oder hat er das vielleicht gar schon getan? Legt diese Platte schonungslos die Funktionsweisen des progressiven Rocks offen oder braucht Townsend ganz einfach diese unmäßigen Mittel um den Stimmen in seinem Kopf beizukommen und seine Ideen zum Ausdruck zu bringen? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen: Eine Platte die solche Fragen aufwirft, kann schon mal keine schlechte sein. In diesem Fall ist sie sogar ausgesprochen großartig.

Julian Lage – Worlds Fair

Eine Platte mit nur einer Gitarre. Mit Musik, die mehr wie Musik von gestern als von heute klingt. Kann das interessant sein? Ja, es kann. Wenn sich jemand wie Julian Lage diesem Projekt annimmt. Gekonnt siedelt er es zwischen Gitarren-Studie und etwas an, das so mancher bereits vergessen hat: Guten Songs! Die Melodien purzeln ihm nur so aus dem Gitarrenkorpus, während seine Finger flink aber niemals effektheischend über die Bünde huschen.

Keine Frage: Dieser Mann weiß, was er tut. Er hat sein Instrument im Griff. Er nutzt sein Können aber hier nicht dazu, freitonale Musik zu produzieren, sondern dazu Jazz, Blues, Folk, Country und was weiß ich noch alles zu vermählen. Wie das dann klingt? Wie ganz normale Musik, die eigentlich jedermann und jederfrau gefallen könnte. Mit dem einzigen Unterschied, dass die Musik von Julian Lage in keiner Sekunde banal, vorhersehbar oder langweilig ist. Auch Gitarrenfreaks könnten Lage hier stundenlang zuhören, sich über seine Zupftechnik oder worüber auch immer unterhalten. Sie könnten ihn für seine unglaubliche Gabe verehren, komplexe Dinge ganz einfach klingen zu lassen. Das gute ist hier aber: Muss man alles nicht. Man kann auch einfach nur hinhören und zuhören und damit einen der vielleicht interessantesten Musiker der Jetztzeit kennen lernen.

Sonar – Static Motion

Eigentlich ein Wahnsinn, wie wenig es braucht. Vor allem dazu, um gute Musik zu machen. Vor allem braucht es hier bei der Band Sonar eines: Reduktion. Kein überflüssiger Schnick-Schnack, sondern Konzentration auf das Wesentliche ist hier Programm. Rhythmus, Gitarre, Bass und Schlagzeug. Genau an diesen Punkten wird hier dann rumgeschraubt, mit einer ganz eigenen Gitarren-Stimmung, die sich in dieser Form nur bei Sonar findet.

Dazu schaffen es Sonar, dass das Schlagzeug in den absurdesten Metren vollkommen schlüssig klingt. Ganz so, als würde jedes andere Lied dieser Welt auf die gleiche Weise funktionieren. Das besondere an Sonar ist also auch, dass das hier kein akademischer Exkurs in die weite Welt der rhythmischen und klanglichen Möglichkeiten ist, sondern ganz im Gegenteil eine völlig nachvollziehbare Vorführung, was so alles geht. Ohne Muckertum, ohne herausgestellte Virtuosität. Alles im Dienst der Songs, des Rhythmus und des Ausdrucks. Banale und überflüssige Passagen sind hier absolute Fehlanzeige. Jeder Baustein hat seine Rolle und erfüllt diese bravurös.

Johann Sebastian Bach – András Schiff: Das Wohltemperierte Clavier

Ich weiß schon. Überraschend ist diese Wahl nicht. Vor allem auch deshalb, weil ich Bach für den Anfang und das Ende der Musik halte. Egal ob klassischer Musiker oder Jazzer: Dem guten, alten Johann Sebastian hat eigentlich jeder sehr viel zu verdanken. Das allein würde schon reichen, um diesen Meilenstein hier zu empfehlen.

Mehr noch aber: András Schiff spielt J.S. Bach wie wenig andere. Ohne Pedal, knochentrocken, mit einer gewissen Freiheit, die er sich einfach mal nimmt. Bach würde es zweifellos gefallen. Seine Melodien und seine kontrapunktischen Läufe kommen hier zur Geltung, gehen nicht in romantische Attitüden unter. Hier wird die formelle, strukturelle und intellektuelle Sprengkraft der Kompositionen von Bach glasklar und mehr als deutlich. Fast nicht zu glauben, dass Bach diese Stücke nicht als eigene Kunstwerke verstanden wissen wollte, sondern eher als Fingerübungen und als Anleitungen. Vielleicht ist aber genau das die Stärke von Bach: Er setzt keine fertigen Meisterwerke vor, sondern fordert heraus, provoziert, regt an neu zu denken. Klar ist jedenfalls: Unter den Fingern von András Schiff hat das „Wohltemperierte Clavier“ nichts von seiner Strahlkraft und Radikalität verloren.

Hörempfehlung bei allen Platten: Mehrmals nacheinander hören. Niemals zu viele Platten am Tag vornehmen. Besser bei einer Aufnahme bleiben und versuchen diese nachwirken zu lassen. Wenn ihr alle Platten durchgehört habt wird euch so einiges, das musikalisch im Moment so angesagt ist, plötzlich sehr sehr schal und unbedeutend vorkommen. Probiert es einfach aus. Garantiert ohne Nebenwirkungen.